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Jeder hat Vorurteile

01.02.2009 | 16:38 Uhr

Integration ist in aller Munde: Was läuft gut oder schlecht? Was muss besser werden?Ein Gespräch mit drei Jugendlichen aus Hattingern, die aus türkischen Familien stammen

Aus der Türkei stammt ihre Familie, sie sind in Deutschland geboren: Yasin Aygan (re.) und Bilal Gültekin mit der türkischen Fahne. Foto: Udo Kreikenbohm

"Eigentlich sollte Integration für uns kein Thema sein", sagt Resul Gültekin (17). "Schließlich sind wir hier geboren und sind mit der deutschen Kultur aufgewachsen." Im Alltag erleben die drei Schüler jedoch immer wieder Situationen, die ihnen wie kleine Nadelstiche empfindlich wehtun.

"Ich sollte zum Förder-Unterricht im Fach Deutsch gehen. Dabei habe ich die zweitbeste Note gehabt", schildert Hauptschüler Resul. Sein Deutsch ist perfekt. Warum also? Die Antwort lautete: Migrationshintergrund.

"Den Begriff Migrationshintergrund empfinde ich als schlecht", fügt Yasin Aygan (16) hinzu. Damit werde eher Negatives verbunden und Vorurteile weiter gepflegt. Er habe das Gefühl, er werde von vielen Deutschen von oben herab behandelt. Resul meint selbstkritisch: "Auch ich habe Vorurteile. Jeder hat Vorurteile. Aber er gehe auf die Menschen zu, spreche sie an, um Missverständnisse oder Probleme zu klären."

Ein Problem sieht Yasin darin, dass sie als Ausländer bezeichnet werden - ohne auf die Herkunft einzugehen. Resul: "Viele scheint es nicht zu interessieren, ob wir aus einer türkischen, kurdischen oder albanischen Familie kommen". Yasin wünscht sich ein differenziertes Bild, auch in den Medien. Die Türken seien modern und längst nicht alle traditionell eingestellt.

Beim Sport sehen sie eine Möglichkeit, Vorurteile abzubauen. "Im Fußballverein oder im Fitnessstudio treffen viele verschiedene Menschen aufeinander - aus allen Kulturen. Das ist normal dort, und daher gibt es weniger Probleme", sagt Bilal Gütekin (18). Er macht gerade sein Fachabitur an der Berufsschule.

Er schildert einen Arztbesuch: "Betrete ich ein Wartezimmer, schauen die Menschen kurz auf und wieder weg. Kommt ein Deutscher herein, sagt jeder Hallo. Da frage ich mich schon: Was habe ich falsch gemacht?" Oder als er Lebensmittelspenden für den Gaza-Streifen gesammelt hat. "Da wurde ich verdächtigt, ich wolle das Essen auf einem Basar verkaufen".

Einrichtungen wie das Haus der Jugend sehen sie als Ort der Begegnung. Dort seien Jugendliche aus allen Kulturen. "Ich habe ja auch deutsche Freunde", sagt Resul. "Die Menschen haben immer Angst vor Unbekanntem", sagt Bilal. Verständnis für andere, das ist ihm wichtig.

Alle drei empfinden es aber, dass die Integration meistens nur an den Ausländern hängen bleibe. Die Deutschen sollten ihren Teil dazu beitragen. "Schließlich leben wir alle zusammen hier", sagt Resul. Sein Bruder Bilal fügt hinzu: "Ich denke, es ist wichtig, dass die Kinder in der Grundschule unterschiedliche Kulturen als normal empfinden. Bereits da sollte respektvoller Umgang und Verständnis gelehrt werden." Auch in einem Ethikkurs, in dem Verhalten jenseits der Religion vermittelt wird, sieht er Möglichkeiten für alle Kulturen.

Resul will nach der Schule eine Ausbildung zum Mechatroniker oder Industriekaufmann machen. Bilal kann sich vorstellen, selbstständig zu arbeiten. Schnell fügt er hinzu: "Wenn ich das erzähle, sagen viele: ah, Dönerbude. Aber auch das ist doch auch wieder nur ein Klischee", sagt Bilal verärgert. Und Yasin wünscht sich: die Schule erfolgreich zu beenden.

Von Timo Klippstein

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