Gemeinsam durchboxen
10.02.2012 | 17:37 Uhr 2012-02-10T17:37:00+0100
Hattingen. Der ehemalige stellvertretende Bürgermeister Erich Frank (82) meistert mit Hilfe seiner Frau Inge das Alter und seine Krankheit.
Als sie sich kennenlernten, hängte Erich Frank die Boxerei an den Nagel. Seine Frau wollte „keinen mit ‘ner krummen Nase“. Inzwischen ist die Frau des ehemaligen stellvertretenden Bürgermeisters diesem Grundsatz untreu geworden. Die 80-Jährige hat ebenfalls Boxhandschuhe übergezogen – und kämpft sich mit ihrem Mann durchs Alter und durch dessen Krankheit.
Beide haben gehörig eins auf die Nase bekommen, lassen sich aber nicht unterkriegen, sondern machen das Beste aus der Situation. „Andere sind in unserem Alter schon tot“, sagt Inge Frank pragmatisch. Freut sich an Dingen, die noch möglich sind. „Wir lachen auch viel zusammen.“ Je nach Tagesform ihres Mannes.
„Erst deine Mutter, jetzt Erich“, bekommt Inge Frank öfter gesagt. Ihre an Demenz erkrankte Mutter kam nicht ohne sie aus. Ihr 82 Jahre alter Mann braucht nach mehreren Schlaganfällen und zusätzlich gebeutelt durch Parkinson, ihre Hilfe.
„Warum tust du ihn nicht ins Heim?“ Die Antwort ist für die geborene Hattingerin einfach: „Ich wäre sowieso ständig dort. Und so lange ich es noch kann.“ Ein paar Wochen wird sie sich von ihm trennen müssen, um ihr nach einer Meniskusoperation schief gewachsenes Bein richten zu lassen: „Ich muss fit bleiben.“
Sie hat alles abgeheftet über die Laufbahn ihres Mannes. Der WAZ-Bericht von Januar 1999 fehlt. „Wo war ich da“, fragt sie sich. Der damals 69-Jährige, stellvertretender Bürgermeister und Ratsherr, wollte bei den Kommunalwahlen nicht mehr antreten. Sprach über eines seiner schlimmsten Erlebnisse, als Walter Scheel mit seiner Stimme im Aufsichtsrat den Ausschlag für den Abbau von 2900 Arbeitsplätzen auf der Hütte gab.
Dort hat der Elektriker und Elektroniker, der sich als junger Mann ohne Arbeit bis Hattingen durchboxte, selbst gearbeitet. Fand das Ausscheiden über Sozialplan mit 55 Jahren nicht schlimm. Schließlich forderte ihn die Politik. Seine Frau war manchmal anderer Meinung. „Erst war er mit der SPD verheiratet, dann mit der Ideenschmiede“, sagt sie. Vieles blieb liegen, im Haus, beim Anbau. Inge Frank bekam morgens einen Eimer Speis angerührt und setzte Stein auf Stein. Sie bekam Komplimente für die zupackende Art, die dem Paar auch heute noch zugute kommt.
Mit der Ideenschmiede, die Erich Frank aus der Taufe hob und die ihr viel von seiner Zeit stibitzte, hat sie schon längst nicht nur ihren Frieden gemacht, sondern sie richtig zu schätzen gelernt. Sie bekommt vielfache praktische Hilfe zurück. Und abgewandelte Hilfsgeräte, die das Leben erleichtern. Auf eine Kommode neben Erich Franks Sessel, vom dem aus er ins Grüne schaut, sind zwei Haltegriffe geschraubt zum Aufstützen und eine Konstruktion, die ihm beim Stehen hilft, wenn er in einen Rollstuhl wechselt.
„Wir müssen Politik machen und dürfen sie nicht mit uns machen lassen“, hat Erich Frank vor fast 24 Jahren den SPD-Politiker Carlo Schmid zitiert. Gern hätte ich ihn zur Situation heute gefragt und nach einem Rat für die Jugend. 2003 hat er zum zehnten Geburtstag der Ideenschmiede geschrieben, er habe versucht, auf Jugendliche einzuwirken, dass jede Beschäftigung besser sei als „rumzuhängen und dem Alkohol zu frönen“. Sich nicht hängen lassen, ist wohl auch sein Wahlspruch und der seiner Frau.
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