Fünf Tage Fußmarsch

Foto: WP
Was wir bereits wissen
70 Jahre Kriegsende: Unser Autor Gerhard Wojahn erinnert sich an eine ungewöhnliche Begegnungmit einem Infanteristen, die Trümmerwüste in Hannover und den großen Hunger.

Hattingen..  Am frühen Morgen des 6. April 1945 zog ich den mir von einem Bürger überlassenen Handwagen, der mit den Akten der Flak-Batterie und dem Gepäck meines Hauptmanns beladen war, über Dankersen zum Bückeburger Schloss. Gleich hinter dem großen schmiedeeisernen Tor stand schon eine warme Mahlzeit mit Getränken für uns zirka hundert überwiegend junge Soldaten bereit. Unsere Einheit marschierte weiter nach Obernkirchen, auf dem Hof des Bauern Meyer verbrachten wir die Nacht.

Am 7. April kam unsere Truppe in Klein Hegesdorf eine Gruppe von etwa zwölf Infanteristen entgegen. Sie marschierten nach Westen auf das Kampfgebiet zu. Plötzlich drehte sich ein Soldat aus dieser Gruppe um, kam auf mich zugelaufen und fragte „Kommst du aus Hattingen – kennst du mich denn nicht mehr? Mein Name ist Armbrust von der Volksbank in Hattingen. In unserer Richtung geht es nach Hause, komm gut heim, bleib gesund!“ Ich staunte sehr darüber, dass er mich im Vorbeigehen erkannte.

In einer Schule in Rodenberg am Deister musste ich am Abend nach 22 Kilometer Marschweg meine wundgelaufenen Füße vom Roten Kreuz behandeln lassen. Die Sanitäterin fand liebe, nette, tröstende Worte und machte mir neuen Mut.

Am 8. April kam die Batterie bald nach dem Abmarsch mit dem Ziel Barsinghausen in eine gefährliche Situation. Wir waren gerade in der Nähe einer Feldscheune, als ein immer deutlicher werdendes Motorengeräusch in der Luft zu hören war. Ein Doppeldecker, wie ein deutscher „Fieseler Storch“, stand jetzt sehr niedrig über uns. Unser Hauptmann gab das Kommando: „Karabiner entsichern!“ Aber der vermutlich unbewaffnete Aufklärer kehrte sofort um. Unsere Truppe erreichte in wenigen Minuten den langen Tunnel der vierspurigen Reichsautobahn Dortmund – Hannover. Unmittelbar danach schlugen Artilleriegranaten nahe der Scheune ein, die wir kurz zuvor verlassen hatten. Dank unseres Beton-Unterstandes wurde niemand verletzt.

Inmitten der Stadt Empelde (nahe Hannover) erreichten wir eine bestimmte Grünfläche zwischen den Häuserzeilen. Das Gelände war zu meinem Erstaunen vollkommen unterhöhlt. Hier befand sich ein Waffenlager. Wir versorgten uns fast wie im Selbstbedienungsladen. Anschließend standen zwei Wehrmachtsfahrzeuge bereit, die uns nach Celle bringen sollten.

Bei der Fahrt durch Hannover sah ich in den einst breiten Straßen total zerstörte Häuser großflächig als weite Trümmerwüste. In der Ferne stand eine riesige Feuer- und Rauchsäule. Es sah nach einer brennenden Ölraffinerie aus.

Bei Einbruch der Dunkelheit setzten wir den Gänsemarsch von der Ortschaft Schillerslage über Burgdorf, Krätze und Uetze fort. Da alle Kameraden den Hunger deutlich spürten, empfahl unser Batterie-Chef allen, sich in den Wohnhäusern selbst etwas zu Essen zu beschaffen. Bei der verständlicherweise kargen, von der Zivilbevölkerung erbettelten Verpflegung und wenigen Getränken, aber in voller Ausrüstung, wurde mir der Weg immer länger und beschwerlicher.

Abwechselnd nahmen in der Nacht jeweils zwei Kameraden den dritten in ihre Mitte, griffen ihm unter die Arme, so dass er fast im Halbschlaf ganz automatisch lief.

Beten, dass der Panzer weiterfährt

Zwischendurch fragte ich mich: Was sollen wir überhaupt im Osten? Wir hörten keine Nachrichten, keinen Wehrmachtsbericht und nahmen an, dass sich die Russen schon bald Berlin nähern würden. Fazit: Nicht weiter nachdenken, nur gehorchen, was die Vorgesetzten anordnen.

Nach 25 Kilometer Nachtmarsch sahen wir die kleine Ortschaft Dollbergen im Morgennebel. Hier wurde eine kurze Ruhepause eingelegt. Als wir dann später durch das Waldgebiet von Meinersen zogen, wurde das Motorengeräusch eines Panzers immer deutlicher. „Volle Deckung“, ertönte es mehrfach mit erregter Stimme eines Vorgesetzten.

Zum Glück war es nicht in einem Wald mit ebener Bodenfläche. Lauter Erdwälle in kurzen Abständen durchzogen das Gelände, geradezu wie für uns hergerichtet. Alle jungen und alten Landser, Mannschaften und Offiziere versteckten sich hinter den Erdwällen und waren ganz still. Der Panzer mit dem Motorengeräusch kam näher und blieb genau auf unserer Höhe stehen.

Meine innere Erregung durch den Gedanken, der Panzer könne uns jetzt alle plattmachen, ließ sich nicht verbergen. Was macht man in solcher Not? Da hilft nur eines: beten! Es vergingen vielleicht fünf Minuten, die Panzerbesatzung hatte offensichtlich nichts Verdächtiges erspäht und sah somit keinen Grund zum Angriff. Also fuhren sie weiter auf Meinersen zu. Wir hatten großes Glück!

Auch in der Nacht zum 10. April setzten wir unseren Fußmarsch durch den Wald nach Leiferde fort. Dort ein Nickerchen am Straßenrand. Wir durchquerten mehrere Dörfer unweit von Wolfsburg und landeten schließlich nordöstlich von Gifhorn in dem schönen Ort Jembke (Kreis Wolfsburg). Dort gab es nach mehreren unglaublich verlaufenen Tagen sowohl Verpflegung als auch eine Übernachtung auf den Bauernhöfen. Seit Verlassen der Stadt Minden legten wir zirka 170 Kilometer zurück und sahen uns nun in Gedanken schon bald vor der Elbe stehen.