Frau erschleicht sich 70 000 Euro

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Was wir bereits wissen
Betrügerin hatte Unterlagen fürs Jobcenter gefälscht. Schöffengericht verurteilt sie zu drei Jahren und sechs Monaten Haftstrafe.

Hattingen..  Drei Jahre und sechs Monate muss eine Hattingerin ins Gefängnis: Nach zwei Bewährungsstrafen für einschlägige Betrugsdelikte sah das Schöffengericht im Unterschied zu Staatsanwältin und Verteidiger keinen Sinn in einer erneuten Bewährungsstrafe. Die vierfache Mutter hatte das Jobcenter in großem Stil als unrechtmäßige Einnahmequelle missbraucht. Von Februar 2010 bis Oktober 2014 kam eine Überzahlung von 70 872 Euro zustande.

Das Einkommen des Ehemannes von knapp 3000 Euro netto hätte eine Berechtigung für Jobcenter-Zahlungen ausgeschlossen. Daher gab die 35-Jährige den Verdienst ihres Gatten wesentlich niedriger an und fälschte die Unterlagen, manipulierte dazu mit Hilfe eines Bekannten Verdienstbescheinigungen und Kontoauszüge.

„Ich musste meine Familie doch irgendwie retten“, rechtfertigte sich die Angeklagte und nannte eine Kurzarbeitsphase ihres Mannes, reihenweise gescheiterte Bewerbungen und misslungene Selbstständigkeiten als Tupper- und Kunstschmuck-Verkäuferin als Gründe für den Engpass.

„Mein Mann ist auf die Idee gekommen, sein Einkommen mit Kartenspielen aufzustocken“, erzählte sie und sprach von insgesamt 80 000 Euro Spielschulden. „Ich hab versucht, das abzuzahlen und hab mir das Geld über eine Zeitungsannonce geliehen. Doch dann wollten die plötzlich immer mehr haben und haben uns bedroht“, erklärte die Hattingerin, sprach von der Androhung eines Brandanschlags oder der Bedrohung der Kinder. Mit Beweisen oder Zahlungsbelegen konnte die Angeklagte jedoch nicht dienen.

Der Gatte – das Paar lebt inzwischen getrennt – gab zu Protokoll, dass er noch nie um Geld gespielt habe. Auch von potenziellen Erpressungen wisse er nichts. „Ich habe nichts damit zu tun und nicht mitbekommen, dass sie irgendwelche Sachen gefälscht hat. Auch nicht, was alles auf die Konten geflossen ist. Meine Frau hat mir nur gesagt, dass wir noch zusätzlich was bekommen, aber die Richtigkeit habe ich nicht überprüft“, versicherte der Mitangeklagte und ergänzte, dass sie grundsätzlich nicht mit Geld umgehen könne.

Obwohl der Familienvater die Anträge mitunterschrieben hat, wurde das Verfahren schließlich gegen ihn eingestellt.

Bei seiner Gattin, die wegen einschlägiger Betrugsdelikte vorbestraft ist, war ein psychologischer Gutachter hinzugezogen worden. Dieser attestierte der Angeklagten eine Anpassungsstörung und dass sie von Hilflosigkeit und Angst geleitet zu einem Ausweichverhalten neige. Ein Sozialarbeiter bestätigte dies, relativierte jedoch, dass sie stets eine vorbildliche Mutter sei und sich als Kämpfernatur immer für den Lebensunterhalt ihrer Familie eingesetzt habe. Andererseits habe sie so starken Druck und Angstgefühle gehabt, dass dies zuweilen zu einem verwirrt bis unlogischen Handeln geführt habe. „Wenn man immer nur kämpft, kann man vielleicht irgendwann nicht mehr so klar denken“, äußerte sich der Therapeut.

Die Angeklagte sprach von dauerhafter Überlastung, Rufmord, Einsamkeit und fehlender Unterstützung durch ihren Mann.

Die Staatsanwältin wollte aufgrund „besonderer Umstände alle Augen zudrücken“ und sprach sich für eine Bewährungsstrafe aus. „Bei ihnen herrscht psychisches Chaos, doch haben sie bei ihrem Handeln immer an die familiäre Sicherung gedacht. Wenn sie jetzt ins Gefängnis gehen, wäre keinem geholfen“. Der Richter sah keine verminderte Schuldfähigkeit, sondern „das typische Verhalten eines Betrügers“.