Flucht und Vertreibung gab es auch in Hattingen immer

Thomas Weiß
Thomas Weiß
Foto: Fischer
Was wir bereits wissen
Im Jahr 1498 hat der Stadtarchivar den ersten Fall gegen eine jüdische Familie dokumentiert.Am Samstag wird erstmals der Opfer gedacht. Ausländerzahl während des Dritten Reiches am höchsten.

Hattingen..  Der Opfer von Flucht und Vertreibung wird am 20. Juni – dem heutigen Samstag – gedacht: Mit dem Datum knüpft die Bundesregierung an den Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen an und erweitert das Flüchtlingsgedenken um das Schicksal der Vertriebenen, so heißt es. „Es hat in Hattingen keine Zeit gegeben, wo es keine Flucht, Vertreibung, Zuwanderung gegeben hat“, erklärt Stadtarchivar Thomas Weiß.

Er hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, auch einen Vortrag erarbeitet. „Damit hatte ich 2014 auf eine Bitte des Integrationsrates hin begonnen“, erklärt er. Gehalten hat er ihn schon sieben Mal, u.a. in der Weihnachtszeit. „Weihnachten ist doch letztlich auch eine Geschichte von Flucht und Vertreibung.“

Bis hin zu steinzeitlichen Siedlungen kann er von Flucht und Vertreibung erzählen, sagt, dass vor 500 Jahren das Ausland im Grunde schon bei Steele begann. „Da war dann das Bistum.“ Und die Stadtmauern, auch sie hätten letztlich Fremde und Feinde abgehalten, waren ein Kontrollmechanismus. „Der Platz in der Stadt war ja begrenzt.“

Der erste dokumentierte Fall von Vertreibung aus Hattingen trug sich 1498 zu. „Da hat es eine Beschwerde beim Landesherrn gegeben gegen eine jüdische Familie, es ging vermutlich um wirtschaftliche Dinge, um Konkurrenz.“ Geld sei vermutlich an den Landesherrn geflossen. Das Ergebnis: Ein Privileg, das besagte, dass alle Juden Hattingen zu verlassen hätten – und dass sich kein Jude je wieder in der Stadt niederlassen dürfte. „Und dieses Privileg hatte über 300 Jahre Bestand, es ging nämlich darum, dass sich 1680 deswegen ein Jude nicht hier ansiedeln durfte“, sag Weiß.

Meldepflicht

Spannend findet er auch die Regelung, dass es 1638 eine Meldepflicht gab für von Tuchmachern verpflichtete Lohnarbeiter. „Auswärtige galten damals als leichtfertige Personen, die Krankheiten wie Pest in die Stadt schleppen könnten. Das war 1638, nicht 2015“, gibt der Stadtarchivar zu bedenken. Und sagt: „So geht das immer weiter.“

Mit Napoleons Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit habe sich vieles verändert. „Der Zunftzwang wurde abgeschafft, Gewerbetreibende konnten sich frei niederlassen. Es gab eine Bevölkerungsexplosion – die natürlich auch starke soziale Probleme mit sich brachte.“

Nächster Ankerpunkt: die Industrialisierung. Die 1815 in Baak gegründete Gewehrfabrik holte Fachkräfte aus Frankreich/Belgien. „Das war ein großes Problem. Hattingen war zu der Zeit evangelisch, die Franzosen waren katholisch. Der katholische Pfarrer organisierte damals auch die Schule, hatte plötzlich viele Schüler ohne Deutschkenntnisse. Der Ausländeranteil lag bei über 50 Prozent.“

Auch Beispiele für gelungene Integration könne man aufzeigen: wie den Aufseher Gilles Leblond. Er heiratete in den größten Hof der Gegend ein. Sein Enkel zog dann 1870 gegen Frankreich in den Krieg, starb – für Deutschland. Auf einer Gedenktafel, die einst in der St.-Georgs-Kirche war und jetzt im Stadtarchiv zu sehen ist, steht sein Name.

Drittes Reich

Flucht habe es auch während der Nazi-Zeit reichlich gegeben – und Vertreibung. Weiß erinnert an die vielen Deportierten, die „alle umgebracht worden sind“. Einen Hinweis gibt er aber noch: „Es hat in Hattingen nie so viele Ausländer gegeben wie in der Zeit des Dritten Reiches. Denn es waren sehr viele Zwangsarbeiter hier. Ende 1944 war jeder vierte Hattinger ein Ausländer.“

Auch die Nachkriegszeit brachte Menschen von außerhalb in die Stadt: Die Vertriebenen und Ausgebombten kamen.

Wenn heute über die große Zahl an Flüchtlingen gesprochen wird, die nach Hattingen kommen, kann Weiß nur auf die 1960er Jahre verweisen: „Von 30 000 Einwohnern waren über 30 Prozent Flüchtlinge.“ Später dann kamen die Aussiedler. „Im Grunde gab und gibt es immer dieselben Probleme: Spracherwerb, Integration, Zugang zum Arbeitsmarkt, Schule“, sagt Weiß. Wichtig bei der Frage mit dem Umgang von Flüchtlingen und Vertriebenen, meint Weiß, sei Gelassenheit. Denn die Geschichte zeige, dass man nichts übers Knie brechen dürfe.