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Kunsttherapie

Existenz-Erfahrung auf Papier

14.02.2012 | 17:47 Uhr
Existenz-Erfahrung auf Papier
Regine Merz. Foto: Udo Kreikenbohm/WAZ FotoPool

Hattingen.  Die Hattinger Kunsttherapeutin Regine Merz arbeitet mit HIV-positiven und aidskranken Menschen.

Am liebsten sind Regine Merz künstlerisch Unerfahrene. Sie versuchen nicht, so zu malen, dass ihre Bilder nicht „ver­raten“, was verborgen bleiben soll. Diese HIV-positiven und aidskranken Menschen bringen Gefühle aufs Papier, existenzielle Erfahrungen.

Sorgen machen müssen sie sich nicht, sie würden über die Kunst „ausgehorcht“. Die 47-Jährige versichert: „Man muss nichts erzählen, nichts interpretieren.“ Die Hattingerin macht zwar auch Bildbetrachtung. Im Mittelpunkt steht aber hauptsächlich künstlerisches Arbeiten, ein anderer, nonverbaler Zugang.

„Eine Praxis brauche ich nicht“, sagt die Kunsttherapeutin, die auch selbst künstlerisch tätig ist. Sie wird viel gebucht von der Caritas, bei der in Essen gerade eine Ausstellung läuft. Trifft sich einmal die Woche mit höchstens acht Malerinnen und Malern aus dem ganzen Ruhrgebiet. In Essen oder Gelsenkirchen. Seit mehr als zehn Jahren.

„Jemand, der ein positives Testergebnis bekommt, fällt in ein schwarzes Loch“, sagt sie. Es war für sie schwierig mitanzusehen, wie ein betroffener Freund „sein Leben neu sortieren musste“. Und das zu einer Zeit, in der es nicht so wirksame Medikamente gegeben habe wie heute, in der Kranke „fünf Jahre später gestorben“ sind. Womit auch die Kunsttherapeutin ihr Betätigungsfeld gefunden hat, das ihr ein Herzensanliegen ist.

Stimmt die Perspektive? Wie kann ich meine Technik verbessern? Wie mische ich die Farben? Aspekte, die gesunde Menschen, die malen, interessieren. „Sie legen den Fokus auf die Technik. Das ist der grundlegende Unterschied.“ Die anderen drücken erst einmal einfach Gefühle aus. Manche malen anders, aber „auch nicht alle“. Manchmal gibt es Unterschiede in der Farbigkeit oder in den Motiven. Doch dabei darf nicht nur ein Bild betrachtet werden, „ich muss die Reihe sehen“.

Regine Merz will die Bilder aber gar nicht analysieren. Erzählt den Witz vom kleinen Mädchen, mit dem etwas nicht stimmt. Es muss zur Therapie, weil Menschen auf ihren Bildern keine Füße haben. Dabei sieht nur niemand, dass sie alle doch im Gras stehen. Natürlich kommen auch dunkle Seiten zum Ausdruck in den Bildern. Aber auch sehr viel Lebensbejahendes. Wer sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzt, „der weiß die Sonnenseiten sehr zu schätzen“, sagt Regine Merz. Menschen, die mit Mitte 30 oder 40 „sehr schwer eingeschränkt“ sind, bräuchten eine Tagesstruktur. Wer noch arbeiten kann, zahlt selbst. Anderen hilft die Aidshilfe. Regine Merz arbeitet mit ihnen, zwei Stunden die Woche, ein halbes Jahr, nach Möglichkeit auch ein ganzes. Sie macht sich stark dafür, dass Krankenkassen Kunsttherapie für Menschen mit HIV und Aids bezahlen, was bisher aber nicht der Fall sei. Schön findet Regine Merz, dass Ausstellungsbesucher über die Kunst einen anderen Blick auf Menschen mit HIV und Aids bekommen.

Ohne Kunst geht es auch bei ihr nicht. Wenn sie beispielsweise an die Nordsee startet, ist der Skizzenblock auf jeden Fall dabei.

Brigitte Ulitschka

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