Das aktuelle Wetter Hattingen 7°C
Prozess

Erfolg nach Revision: Freispruch

30.10.2012 | 18:21 Uhr
Erfolg nach Revision: Freispruch
Foto: Oliver Müller

Essen. Freispruch im zweiten Anlauf. Ein bereits verurteilter 46 Jahre alter Hattinger erzielte nach gewonnener Revision in Karlsruhe am Dienstag vor dem Landgericht Essen einen weiteren Erfolg: Die III. Strafkammer sprach ihn von dem Vorwurf frei, seine damals 13 Jahre alte Stieftochter sexuell missbraucht zu haben.

Entscheidend für diesen Prozessausgang war das Schweigen des mutmaßlichen Opfers. Dadurch fehlte dem Gericht die Möglichkeit, Widersprüche in der Aussage der jungen Frau zu überprüfen. „Wir konnten uns auch keinen persönlichen Eindruck von der Nebenklägerin machen“, wies Richter Günter Busold auf ein weiteres Defizit im aktuellen Verfahren hin.

Sommerurlaub 2006

Sechs Jahre liegt zurück, was die Kammer jetzt aufklären sollte. Im Sommerurlaub 2006 soll der Angeklagte seine Stieftochter auf ein Boot genommen haben und mit ihr über einen See in der Nähe von Potsdam gefahren sein. Dabei soll er die damals 13-Jährige aufgefordert haben, ihren Bikini auszuziehen. Danach soll er sie eingecremt und intim berührt haben. Später soll es immer wieder zu unsittlichen Berührungen beim „Gute Nacht“-Sagen im Kinderzimmer des Mädchens gekommen sein. Ab Weihnachten 2007 hätte der Angeklagte sie dann nicht mehr bedrängt, weil das Mädchen drohte, alles der Mutter zu erzählen.

Bei einem letzten Sommerurlaub der Familie kam alles heraus. Der Stiefvater kam vor Gericht, bestritt die Vorwürfe. Das Mädchen sagte aus und belastete ihn. Im Dezember 2010 verurteilte ihn schließlich die V. Essener Strafkammer wegen siebenfachen schweren sexuellen Missbrauchs zu zweieinhalb Jahren Haft.

Bundesgerichtshof

Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hob das Urteil auf die Revision des Angeklagten auf. Er wies darauf hin, dass Aussage gegen Aussage stünde und die Beweislage besonders streng gewürdigt werden müsse. In diesem Fall sei nicht auszuschließen, dass das Scheidungsverfahren der Eltern eine Rolle gespielt habe.

Im Internet informiert

So soll das Mädchen laut Urteil im ersten Verfahren zu der Mutter des Angeklagten gesagt haben, dass dieser auf keinen Fall das Sorgerecht bekommen dürfe. Sie hätte sich im Internet informiert und „etwas gefunden, was nur Kinder machen können“. Eine Antwort, was sie gefunden habe, vermisste der BGH im Urteil.

Die Antwort kann auch die III. Strafkammer, die das Verfahren neu aufrollte, nicht liefern. Denn die 19-Jährige schwieg. Allerdings erlaubte sie dem Gericht, frühere Vernehmungsbeamten zu hören. Aber auch dies brachte der Strafkammer keine Gewissheit.

Staatsanwalt Gabriel Wais hatte nach sechs Prozesstagen am Dienstag die erneute Verurteilung des Angeklagten gefordert.Er hielt es für nachvollziehbar, dass das Mädchen jetzt „die Nase voll hatte“ und schwieg: „Schließlich ist sie zuvor schon achtmal von Polizei, Gutachtern und Gericht vernommen worden.“ Verteidiger Harald Benninghoven forderte Freispruch und sagte, die Nebenklägerin habe die Mithilfe verweigert, so fehle das wichtigste Detail. Der Angeklagte schloss sich an: „Ich plädiere auch auf Freispruch.“

Kein objektiver Beweis

Richter Günter Busold wies auf die Schwierigkeit des Verfahrens hin, bei dem es keine objektiven Beweise gab: „Der Angeklagte schweigt und sie auch.“ Spekulieren wolle die Kammer aber nicht, auch nicht bei der Frage, warum die Nebenklägerin jetzt schweige. Den Staatsanwalt kritisierte er. Er mahnte an, bei einer solchen Beweislage „objektiv und sachlich“ an den Fall heranzugehen.

Zu Beginn des Verfahrens hätte er nicht gedacht, dass das Verfahren so umfangreich sein würde, sagte Richter Busold. Statt geplanter drei, verhandelte das Gericht sechs Tage.

Dabei hätte der Prozess schon am ersten Tag beendet werden können. Der Richter hatte damals eine milde Bestrafung angekündigt, wenn der Angeklagte sein früheres, gegenüber der Anklage abgeschwächtes Geständnis wiederhole. Dagegen wehrte sich aber der Staatsanwalt.

Stefan Wette



Kommentare
31.10.2012
09:48
Erfolg nach Revision: Freispruch
von Zugfuehrer_aD | #1

Auch wenn der Angeklage letzten Endes von der Strafkammer freigesprochen wurde, wird er noch lange an dem Verfahren zu knabbern haben. Das gesamte Verfahren wird ihm ziemlich viel Geld und Nerven gekostet haben. Von dem Geld bekommt er nur einen Bruchteil, meistens 50%, zurück und die psychische Belastung wird noch sehr lange nachwirken.

Es ist nicht ungewöhnlich das ein freigesprochener Angeklager nach dem Verfahren finanziell, psychisch und bezüglich der sozialen Bindungen völlig ruiniert ist. Den Ruf ein Krimineller zu sein, wird er nie wieder in seinem Freundes- und Bekanntenkreis wegbekommen. Auch wenn die Strafkammer ihn "im Namen des Volkes" freigesprochen hat, so hat das soziale Umfeld doch sein Urteil gesprochen, wird dieses nicht revidieren und auch gnadenlos vollstrecken.

Aus dem Ressort
Höhere Pauschale vom Land hilft wenig
Asyl
Stadt erhält 84 000 Euro zusätzlich. Dezernentin Beate Schiffer: Können nur das Defizit verringern.
Hattingen zeigt Größe im Kleinen
DAphA
Vom 7. bis 9. November stehen beim sechsten internationalen Aphoristikertreffen im Stadtmuseum Blankenstein die Nachbarn der kleinen Gattung im Mittelpunkt.
Hier gehören die Grünabfälle in Hattingen hin
Grünschnitt
Am Hattinger Recyclinghof gibt es eine Annahmestelle für Grünabfall. Alternativen bieten sich im privaten Bereich durch die Biotonne oder einen eigenen Kompost. Kostenlos kann Grünabfall nur selten abgegeben werden,
Verwarnung und Geldauflage nach Böllerwurf
Prozesse
Amtsgericht befindet 19-Jährigen der versuchten Körperverletzung für schuldig.
Schulgebäude trotzen sinkender Schülerzahl
Gebäudewirtschaft
Die Stadt Hattingen hat in den sieben Jahren von 2006 bis 2013 insgesamt 1190 Schüler verloren. Die Zahl der Schulgebäude bleibt dennoch nahezu konstant. Verkauft werden soll jetzt nur eines.
Fotos und Videos
Wolf Codera in Hattingen
Bildgalerie
Session Possible
Kindermusical begeisterte.
Bildgalerie
Jericho
Konzert
Bildgalerie
Chorerlebnis
Impressionen vom neuen Theaterstück
Bildgalerie
Laienspielgruppe