Das aktuelle Wetter Hattingen 18°C
Roger Willemsen

Er fesselte die Aphoristiker

09.02.2016 | 18:00 Uhr
Er fesselte die Aphoristiker
Roger Willemsen während seines Vortrags beim Aphoristikertreffen im Stadtmuseum. Foto:Walter Fischer

Hattingen.  Roger Willemsen war ein leidenschaftlicher Wortauswähler. Im Jahr 2006 bereichterte er das 2. Aphoristikertreffen im Stadtmuseum.

„Es ist das permanente Trüffelschweinsuchen nach dem Satz, der irgendwo verborgen ist und auf uns wartet.”

Nie war ein Gastredner passender für eine Veranstaltung, selten war ein Vortrag fesselnder als dieser. Publizist Roger Willemsen, der am vergangenen Sonntag im Alter von nur 60 Jahren gestorben ist, hinterließ im November 2006 nachhaltig Spuren in Hattingen – er eröffnete das 2. Aphoristikertreffen im Stadtmuseum in Blankenstein mit ei­nem beeindruckenden Beitrag.

Die Faszination für Worte hat Roger Willemsen stets getrieben. Die Leidenschaft, sie passgenau auszuwählen, sie in markige Sätze zu verpacken. Er selbst, Vorzeige-Intellektueller und charmanter Conferencier zwischen Hochkultur und dem Trivialen, spielte an diesem Abend mit seiner Polarisierungskraft – für die einen war es feinsinnige Dialektik, für andere hochtrabende Arroganz.

„Es tun mir ganz viele Dinge weh, die anderen nur Leid tun.” Noch so ein Satz, der nach dem Abend hängen geblieben ist.

Penibel hatte er sich vorbereitet, wusste natürlich genau, dass sein Publikum eine genau so große Liebe zur Literatur, an Spaß an der Sprache, an Ausdruck und Akzentuierung hatte wie er selbst.

Mehr als 200 Zuhörer waren gefesselt von Roger Willemsen, der verschachtelt Akzente setzte; der verwirrte; der verzückte. Der dem Aphorismus-Archiv eine Aufmerksamkeit bescherte, die es zuvor, aber auch in den zehn Jahren danach nicht mehr gegeben hat.

„Es ist wahr, sagt ein Genie, auch ich mache Pipi – aber aus anderen Gründen.”

Er umarmte die Aphoristiker, wurde Gast in ihren Herzen. Er schwadronierte, schweißte seine mäandernden Gedanken aber immer wieder zusammen. Und er arbeitete auf einen Satz hin, diesen einen, den er in den Mittelpunkt seines Vortrags stellte. Er lautete: „Wer gewohnt ist zu schreiben, schreibt ohne Gedanken, wie jener alte Arzt, der in seiner Sterbestunde dem Lehnstuhl den Puls fühlte” (Antoine Comte de Rivarol, 1753-1801).

„In Zeiten der Pleite bevorzugt die Seele das Jenseits.”

Auch diesen Satz habe ich damals gehört, ihn aufgeschrieben und in meinem anschließenden Artikel verwendet. Einer, der auf mich wie so eine Art Anschubfinanzierung für die Aphoristiker wirkte. Roger Willemsen gefiel, dass sich in Hattingen so liebevoll um die kleine Gattung gekümmert wurde. Roger Willemsen hat der Stadt einen unvergesslichen Abend geschenkt. Das Aphorismus-Archiv lebte auf, fein, wenn auch klein.

Michael Brandhoff

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
Flüchtlingsunterkunft
Bildgalerie
Kennenlernen
Sprintfinale der Grundschulen in Hattingen
Bildgalerie
Kindersprint
Bessemer Stahlwerk
Bildgalerie
Schmelzpunkte
article
11550377
Er fesselte die Aphoristiker
Er fesselte die Aphoristiker
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/hattingen/er-fesselte-die-aphoristiker-id11550377.html
2016-02-09 18:00
Hattingen