Ein Stück Harz in Welper

Foto: WAZ
Die Harzer Häuser an der Henschelstraße stehen seit 1983 unter Denkmalschutz. Gebaut wurden sie für die Facharbeiter der Henrichshütte.

Hattingen..  Ein Stück Harz in Hattingen ist heute Thema unserer Serie über die Denkmäler der Stadt. Ein Stück Heimat für Fachkräfte aus der Mitte Deutschlands sollten die Häuser in der Henschelstraße einst sein. Nach dem Stadtumbau, der in den 1970er Jahren beschlossen wurde, ist heute nur noch ein Teil der Siedlung übrig. Zwölf Harzer Häuser stehen unter Denkmalschutz als Beispiel einer Arbeitersiedlung – wenn auch nicht im klassischen Sinn.

Ursprünglich entstand die Siedlung, um Facharbeiter aus dem Harz für die Henrichshütte zu gewinnen. Das war Ende der 1850er Jahre. „Weniger qualifizierte Arbeiter heuerten an und gingen wieder wenn jemand mehr bot. Aber die Facharbeiter, die sollten an das Werk gebunden werden“, weiß Denkmalpfleger Jürgen Uphues. Und die kamen vielfach aus Stollberg und Werningerode. Entsprechend sollten die Häuser, die für sie gebaut werden, ein Stück Heimatgefühl nach Hattingen bringen.

„Nicht alle Häuser sind hier einheitlich wie etwa in Müsendrei, aber trotzdem bilden sie eine Siedlung“, erklärt Uphues. Auch deshalb stehen die Harzer Häuser nicht als Gruppe, sondern jedes für sich unter Denkmalschutz. Gemeinsam war den Häusern der einfache Kreuzgrundriss mit Garten und Stall. „Allerdings wurden sie noch vor dem Denkmalschutz saniert und dabei auch Wände versetzt.“ Äußerlich unterscheiden sich die Häuser von jeher: Während die oberen mit Holz verkleidet sind, sind andere der zwölf Gebäude verputzt und wieder andere mit Schiefer verkleidet.

Und in einem dieser Häuser lebt Alfred Dahlbeck mit seiner Frau. „Schon seit 1985 wohnen wir hier. Erst als Mieter, dann haben wir das Haus 1998 gekauft“, berichtet der 61-Jährige. Er habe bei Thyssen gearbeitet und das Haus habe da besonders günstig und nah zur Arbeitsstelle gelegen. „Damals war Bedingung für den Einzug, dass man zwei Kinder hat“, erinnert er sich.

Wo einst der Stall war, in dem die Hüttenarbeiter als Selbstversorger Kleinvieh halten konnten, befindet sich heute die Küche. Eine Einkerbung an der Außenfassade zeigt, wo einst die Tür zu finden war. „Ursprünglich haben hier mal zwei Familien gelebt“, weiß Dahlbeck. Und lacht: „Und früher gab es auch nur ein Plumpsklo.“ Heute bleibt sogar Platz für „mein Fernsehzimmer“, schmunzelt Alfred Dahlbeck. Die Fassade hat er erst vor Kurzem erneuern lassen. „Dabei müssen die Farbe, der Putz und die Absatzfarbe genau stimmen“, weiß er. Der Naturschiefer im oberen Teil des Hauses ist original. „Aber der war mal überstrichen. Deswegen sieht der so komisch aus.“ Auch das Moosgrün der Schlagläden und sogar die Gestaltung der Tür ist genau abgestimmt. „Alle müssen hier die gleiche Tür besorgen, wenn sie sie erneuern. Einige haben auch noch die alte Tür.“

Mit dem Harz hat der Ur-Hattinger übrigens wenig am Hut, sagt er. Obwohl: „Ich hatte eine Tante, die im Harz gewohnt hat. Da waren wir ein paar Mal zu Besuch.“ Dann ergänzt er lachend: „Und geboren wurde ich in der Werningerodestraße.“ Passt doch zu den Harzer Häusern.

Teil-Abriss und Sanierung der Siedlung Haidchen

Ursprünglich reichte die Reihe der Harzer Häuser noch weiter. Einige der Bauten wurden allerdings im Zuge der Sanierung Ende der 1970er Jahre abgerissen. Damals wurden Eigentümerbefragungen durchgeführt und eine umfangreiche Analyse zur Lebenssituation der Gesamtsiedlung Haidchen erstellt. „Noch vor wenigen Jahren wurde der Abbruch der ganzen Siedlung erwogen, nachdem die Nähe zum Werk ihre Bedeutung verloren hatte und die Umweltsituation kritischer als früher eingeschätzt wurde“, hieß es in der Analyse der Stadt. Außerdem wurde 1978 erläutert, dass „aufgrund der gegebenen Situation mit Ansätzen einer Ghettobildung Sanierungsmaßnahmen in absehbarer Zeit notwendig werden“.

Thema war außerdem die Belastung durch Geruch, Schmutz und Ruß. Beeinträchtigungen durch Verkehrslärm und Störungen durch Betriebe wurden im Gegensatz zu einer Befragung wenige Jahre zuvor nun nur vereinzelt von den Anwohnern genannt. „Es muss eine Betriebsverbundenheit der überwiegend von der Thyssen-Henrichshütte abhängigen Personen vermutet werden“, analysierte die Stadtverwaltung.

Auch aufgrund erheblicher Mängel in der Baustruktur wurden besonders werksnah gelegene Häuser abgerissen. Durch die Aufschüttung eines begrünten Lärmschutzwalls wurde der Einfluss der Emissionen abgemildert. Dadurch konnte ein Hauptteil der Siedlung erhalten bleiben.

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