Die Zeit mit Leben füllen

Foto: Fischer
Was wir bereits wissen
Gut besuchte Informations- und Diskussionsveranstaltung: Hattinger reden im Kick mit Palliativmediziner Franz Krizanits und Franz Müntefering.

Hattingen..  „Vor einem Jahr wollte ich sterben“, erzählt Inge Stekl im Kick. Sie schildert Krankheiten, Schlaganfälle, Feuerwehreinsätze, Atemnot – „ich habe wie ein Tier gelebt“. Dank des Einsatzes des Ambulanten Hospizdienstes (Berichte Seite 4) hat sie Lebensfreude, „ich will nicht mehr sterben“.

Um palliativ-medizinische Versorgung oder Hilfe beim Sterben ging es an der Augustastraße bei einer Diskussion mit Palliativ- und Schmerzmediziner Dr. Franz Krizanits und Franz Müntefering, der als ehemaliger Politiker, aber auch als betroffener Ehemann Stellung bezog. Vor 50 Jahren hätte er sich gewünscht, tot umzukippen. Heute akzeptiert er nicht, wenn Menschen die eigene und die Hilfsbedürftigkeit ihrer Mitmenschen nicht akzeptieren. Der Mensch sei nicht nur hilfsbedürftig bei der Geburt und im Alter, sondern in vielen Phasen des Lebens. Müntefering rät weit vorher anzusetzen bei der aktiven Gestaltung des Alters.

Schmerzlos gehen: Das wünsche sich jeder, so Inge Berger vom Kick. Sie beglückwünschte die vielen Besucher, die das Thema nicht verdrängten, sondern sich ihm stellen. Das Palliativnetzwerk hilft, die letzte Lebensphase gut zu überstehen. Dr. Krizanits informierte darüber, dass aktive Sterbehilfe „nirgendwo erlaubt ist bis auf Holland, Belgien und Luxemburg“, passive oder indirekte aber schon. Die aktive Sterbehilfe spielte weder bei den Vorträgen noch in der Diskussion, in der zahlreiche Fragen gestellt wurden, eine Rolle.

Auf die Unterstützung des Palliativnetzwerkes haben schwerkranke Menschen Anspruch. Etwa fünf bis zehn Prozent brauchen eine besondere Betreuung. Die Krux ist, dass die Finanzen hinterherhinken, weil sie von einem vor Jahren zu niedrig angesetzten Bedarf ausgehen, der inzwischen längst viel höher ist. Von allen Seiten wurden die Zuhörerinnen und Zuhörer ermutigt, die Betreuung und Leistungen einzufordern. Der Palliativmedizin geht es nicht darum, dem Leben mehr Zeit abzupressen, sondern angesichts nicht mehr heilbarer Krankheiten die verbleibende Zeit mit Leben zu erfüllen, so Dr. Krizanits.

Franz Müntefering verwies darauf, dass drei Viertel der Menschen ganz normal sterben, die meisten Menschen nicht tot sein wollten, sondern oft nicht so leben wollten, wie sie leben. Deshalb müsse man die Bedingungen verbessern. Die Gesellschaft müsse sich Zeit für die Menschen nehmen, die sich aber auch selbst um soziale Kontakte kümmern sollten.

Wie das gehen könnte, machte er mit einem Witz deutlich. Eltern quetschen ihren Fünfjährigen aus, wie es bei den Großeltern war. Sie saßen „ohne was an“ in der Wohnung. Nicht nackt. Weder Fernseher noch Handy waren an.