Die Ruhe an der Ruhr genießen
03.08.2010 | 17:41 Uhr 2010-08-03T17:41:00+0200
EN-Kreis. Erholung im zweiten Zuhause: Bei Steger trifft der Filmproduzent auf den Beamten, der Radfahrer auf den Ruderfreund.
„Ich habe euch im Ruhrgebiet unter Tage die Hölle auf Erden gebracht, aber ich werde euch auch ein Paradies schaffen“, sagte Petrus. Und ein Camper hat ihm geantwortet: „Dann mach’ das bei Steger in Witten“. So könnte ein Teil der Schöpfungsgeschichte abgelaufen sein. Steger ist eigentlich ein Campingplatz an der Ruhr. Aber: Steger ist längst mehr. Steger ist eine Lebensauffassung.
„Wir sind Steger“, nannte die Werkstadt im vergangenen Monat eine Veranstaltung, denn hier werden Vorurteile bestätigt und gleichzeitig widerlegt. „Hoffentlich finden Sie Steger überhaupt“, hatte Meike Knop von der Tourismus-Förderung des Ennepe-Ruhr-Kreises gesagt, unsere Reiseleiterin zu den Schönheiten vor der Haustür. Doch man muss einfach dem Navigationsgerät vertrauen. In Bommern geht es kurz vor oder hinter der Ruhrbrücke – je nach Anfahrt – in die Uferstraße, die immer schmaler wird und dort endet, wo die Welt von Steger beginnt. Neben dem Parkplatz liegt ein Stapel mit Kanus. Der erste Hinweis auf ein Freizeitvergnügen. Dahinter der Biergarten, das Herzstück von Steger.
„Heute keine Bedienung“, steht auf dem Schild. Hans-Peter Steger, der Pächter des Campingplatzes, schaut aus dem Kläppchen. Meike Knop sitzt mit einer Berliner Weiße an einem Biertisch. Berühmt ist Steger allerdings für seinen Kartoffelsalat. Wir haben Pech. „Bei der Hitze gibt es keinen Salat“, sagt Steger. Auch wenn es kühler wird, ist es nicht leicht, in den Genuss der Kochkünste von Ehefrau Edeltraut zu kommen. „Am besten vorbestellen, sonst ist er weg“, rät ein Gast. Reservieren muss man schließlich in jedem guten Restaurant.
Aber wir sind schließlich nicht wegen der Speisekarte gekommen. Steger, das ist einer der idyllischsten Orte im Revier. Hier widerlegt die Ruhr das Vorurteil, ein Industriefluss zu sein. Kleine, bewaldete Inseln sind vorgelagert. Die Bäume stehen dicht am Ufer. „Morgens gehen die Menschen in Badesachen über die Felder, springen in den Fluss und schwimmen zwei Kilometer zurück zu Steger.“
Und dort ist zumindest ihr zweites Zuhause. Die Campingwagen sind so umbaut, dass sie sich kaum einen Zentimeter bewegen können. Sollen sie auch nicht. Wer einmal bei Steger ist, der will nicht weg. „Einige haben sich einen Kranwagen kommen lassen, wenn sie einen neuen Camper gekauft haben, um ihn auf den Stellplatz zu setzen“, berichtet Alfred Heydecke. Der 71-Jährige aus Dortmund macht seit 52 Jahren Urlaub bei Steger. Er besitzt die Eigenschaft, die diesen kleinen Platz auf der Welt so außergewöhnlich macht: Gastfreundschaft. „Wir freuen uns immer, wenn wir neue Gesichter sehen“, sagt Alfred Heydecke.
Meike Knop hat es sich inzwischen im Garten der Familie Woike direkt an der Ruhr gemütlich gemacht. Mutter Angelika zeigt ihr den Nachwuchs der Entenfamilie. Der Stolz von Papa Klaus sind die Zapfanlage mit zwei Sorten Bier und drei Grills: „Für das Vorgericht, den Hauptgang und den Nachtisch“. Ob das ein Scherz ist? Hier weiß man das nie so genau.
Draußen, auf dem Fluss, dreht Martin Hoppe seine Runden. Er hat sich ein Kanu gemietet. Der 35-jährige Dortmunder ist frisch geschieden. „Meine Frau muss jetzt Urlaub in Luxushotels machen, und ich darf mich bei Steger erholen“, scherzt er. Hoppe ist den Ruhrtalradweg vom Sauerland hinab geradelt: „Da gibt es so viele unterschiedliche Eindrücke, man könnte meinen, der Tag hätte 40 Stunden. In einem Buch habe ich gelesen, der Ruhrtalradweg sei die schönste Tour in Deutschland. Ich habe es nicht geglaubt, jetzt bin ich davon überzeugt.“ Der Radler hat schon sein Zelt aufgebaut. 7,50 Euro zahlt er inklusive Duschmarke dafür.
Viele Zweirad-Fahrer kehren bei Steger im Biergarten ein. Andere kommen mit dem Motorrad oder mieten sich ein Ruderboot bei Steger. Viele genießen nur die Ruhe an der Ruhr, lassen die Seele baumeln und hören den Campern zu, die diese Idylle geschaffen haben. Der Fernsehproduzent aus Wetter ist dabei, der Spitzenbeamte oder der Unternehmer. Sie erholen sich dort, wo die Welt noch in Ordnung ist: „Ich war beruflich in Japan. Da habe ich gesehen, dass die Menschen dort zehn bis zwölf Stunden arbeiten“, sagt Nils. Und sein Nachbar Uli antwortet: „Ja, was sollen die auch machen. Die haben ja keinen Campingplatz.“
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