Die Nachbarschaftshilfe packt an, wenn die Schraube locker ist
10.03.2011 | 16:12 Uhr 2011-03-10T16:12:00+0100
Hattingen. Lose Steckdose oder Fußleiste: Freiwillige der Nachbarschaftshilfe unterstützen Senioren bei kleinen Reparaturen.
Mit dem Schneebesen kann Inge Stekl umgehen, denn früher führte sie eine Gaststätte. Aber mit der Bohrmaschine doch nicht. Genau die brauchte die 65-Jährige aber, als ihre Gardinenstange von der Wand fiel. Die schwerbehinderte Frau klingelte bei drei Nachbarn. Doch erst als ihr das Infoblatt der Nachbarschaftshilfe in die Hände fiel und sie dort anrief, rückte Dirk Wiciok (46) an – mit Bohrmaschine.
Wenig später hing der Vorhang wieder. Etwa 20 solcher Aufträge hatte Dirk Wiciok in seinem ersten Jahr bei der Nachbarschaftshilfe. Er hat Fußleisten angebracht, Schubladen gängig gemacht, Heizkörper entlüftet und ein Schloss ausgetauscht. Alles Aufgaben, die manche Senioren nicht selbst erledigen können, die aber keinem Handwerker die Arbeit nehmen.
Der 46-Jährige war vor einem Jahr arbeitssuchend und erfuhr, dass die Nachbarschaftshilfe Freiwillige sucht. Voraussetzung: handwerkliche Begabung. Die hat der gelernte Bergmann, der auch seinen Altbau selbst umgebaut und vieles repariert hat. Er wollte gern handwerklich etwas tun und damit anderen Menschen helfen. Auch der Dank tut gut. Und Inge Stekl ist sehr dankbar, hat das in einem Brief ausgedrückt: Anerkennung und großes Lob standen darin. Nur wenige Tage nach dem Hilferuf habe ein sehr netter, höflicher und angenehmer Mann vor ihrer Tür gestanden. „Ruckzuck packte er seine Handwerkskiste aus und half mir.“
Er ist für Inge Stekl inzwischen „Dirk“ und hat auch einige Fettspritzer in ihrer Küche überpinselt: „Ich habe Hähnchen ohne Deckel gebraten und mich furchtbar über die Flecken an der Wand geärgert.“ Inge Stekl weiß, dass manche nur schwer Hilfe annehmen können. Dazu kommt manchmal die Hemmschwelle, einen Fremden ins Haus zu lassen, sagt Bernd Loewe. Er organisiert die Hilfe mit drei weiteren Hattingern. Insgesamt gehören neun zur Nachbarschaftshilfe. Sie freuen sich über weitere Mitstreiter, damit möglichst jeder Stadtteil Helfer hat. „Unsere Zielvorstellung ist, dass Senioren möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben können“, sagt Loewe. Die Anzahl der Einsätze bestimme jeder Helfer selbst. Was er aber mitbringen sollte, ist die Bereitschaft, mal zuzuhören.
Die Hilfe ist für Senioren kostenlos. Aber die Helfer entscheiden, ob sie ein Dankeschön für Benzinkosten oder Gemeinschaftskasse annehmen. Dann gibt es zum Beispiel ein Sommerfest. Weil Wiciok sich gegen Geld wehrte, gab es eben Champagner: „Für Dirk und seine Frau. Es war mir ein Bedürfnis“, sagt Inge Stekl. Dirk Wiciok hat inzwischen auch eine lockere Schraube an ihrem Kleiderschrank festgedreht und nach seiner Umschulung zum Bürokaufmann einen Job gefunden: „Bei der Nachbarschaftshilfe bleibe ich aber.“
Kontakt zur Nachbarschaftshilfe
Die Mitstreiter der Nachbarschaftshilfe treffen sich einmal im Monat und tauschen sich aus. Infos gibt Bernd Loewe: 8 25 26. Wer Hilfe braucht, meldet sich beim DRK: 20 22 20. Das Anliegen landet dann per E-Mail bei den Organisatoren der Nachbarschaftshilfe. Es folgt der Kontakt zum Helfer und der Termin zum Hausbesuch.
0mitdiskutieren