Die Kurzzeit-Insulaner vom Hattinger Campingplatz

Aus dem Februar 1970 stammt das Foto von Wilfried Isenberg, das das Ruhrhochwasser von der Hochstraße oberhalb der Königssteiner Straße aus zeigt.
Aus dem Februar 1970 stammt das Foto von Wilfried Isenberg, das das Ruhrhochwasser von der Hochstraße oberhalb der Königssteiner Straße aus zeigt.
Foto: Isenberg
Was wir bereits wissen
WAZ-Leser Wilfried Isenberg erinnert mit seinen Fotos an das Ruhrhochwasser vom 23. Februar 1970. Das Haus der Familie Stolle wurde vom Wasser eingeschlossen. Zur Schule ging es mit dem Ruderboot.

Hattingen..  Heute vor 45 Jahren hieß es Land unter in Hattingen. Die Ruhr trat mehrere Meter über die Ufer und hatte die Stadt damit fest im Griff. WAZ-Leser Winfried Isenberg schickte der Redaktion eine Momentaufnahme vom 23. Februar 1970.

Fast sechs Meter waren auf dem Pegelstand der Ruhr zu lesen. Sie war zu einem reißenden Strom geworden und sah bedrohlich aus. Auf einer Breite bis 700 Metern überflutete der Fluss vor 45 Jahren Straßen, Wiesen und Äcker. Drei der vier befahrbaren Brücken waren auf Hattinger Stadtgebiet nicht mehr passierbar. Und 14 Hattinger wurden unfreiwillig zu Insulanern.

Darunter war auch Familie Stolle. Jutta Stolle betreibt heute den Campingplatz „Ruhrbrücke“ und kann sich noch an den Ausnahmezustand erinnern. Damals war sie elf Jahre alt und zusammen mit der Familie kurze Zeit von der Außenwelt abgeschnitten – so wie insgesamt 14 Hattinger. Nur mit einem Ruderboot gelang es ihr und ihrem Bruder Jörg damals, zur Schule zu gelangen. „Das war so üblich. Als Kind war es natürlich unheimlich spannend, wie ein Abenteuer“, sagt Jutta Stolle. In der Schule konnte sie ihren Klassenkameraden einiges erzählen. „Unsere Eltern hatten die Situation aber immer gut im Griff“, betont sie. Boote und Ausrüstung für den Notfall standen parat.

Im vergangenen Jahrzehnt stieg die Ruhr mehrfach über ihren Normalpegel. Der liegt bei etwa 1,80 Meter. Bedrohlich wurde es dabei allerdings nur ganz selten. Jutta Stolle schließt dennoch den Campingplatz in den Wintermonaten. „Jedes Jahr besteht das Risiko der Überschwemmung. Mal erwischt es uns, mal nicht“, so die Betreiberin. Statistisch gesehen gibt es alle acht Jahre ein stärkeres Hochwasser bei ihr.

Die Camper wissen darüber Bescheid, Jutta Stolle klärt sie über die möglichen Pegelanstiege auf. Sie informiert sich auch stets selbst über die aktuelle Lage, um rechtzeitig reagieren zu können. Droht ein Hochwasser, wird der Platz geräumt. Auch deshalb sei bisher nie etwas Ernsthaftes passiert. In diesem und im vergangenen Winter blieb es ruhig. Vor einigen Jahren standen die Campingwagen dagegen auf Stelzen. „Zur Not kann man auch mal drei bis vier Tage vom Wasser umschlossen leben. Solange man alle nötigen Energieaggregate gesichert hat, ist das kein Problem“, erklärt Jutta Stolle.

Die meisten ihrer Camper sind jedoch mobil. Es gibt keinen, der sich auf Dauer unterhalb der Ruhrbrücke eingerichtet hat. Steht Hochwasser bevor, sind die Camper schnell telefonisch erreichbar und fahren ihre Wohnwagen weg. Sie kennen das Spiel. Mit dem Boot muss sich so heute niemand mehr zum Festland fahren lassen.