Die Kunst des Klöppelns

WAZ-Redakteurin Sabine Kruse
WAZ-Redakteurin Sabine Kruse
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
WAZ-Redakteurin Sabine Kruse zu Besuch bei Hattingens einziger offener Klöppelgruppe: Ein Selbstversuch, bei dem sie interessante Einblicke in eine jahrhundertealte Handarbeitstechnik erhielt .

Hattingen..  Frau Schmitz hat mir einen Brief mitgebracht. Doch vorerst weiß ich nicht, was dieser mir sagen soll. Denn anstatt aus Wörtern besteht er aus lauter Linien und Punkten; eine Schwarz-Weiß-Zeichnung, die Klöpplern anzeigt, wie sie ihre Nadeln zu setzen haben. Und wo sie welche Muster klöppeln sollen. „Sie klöppeln heute ein Freundschaftsarmband“, übersetzt Frau Schmitz (die mit Vornamen Birgit heißt) mir die unbekannten Zeichen. Ich nicke. Genau das werde ich in den nächsten zwei Stunden versuchen.

Einmal reinschnuppern in Hattingens einzige offene Klöppelgruppe, die sich nach dem Klöppelkongress vom Frühjahr 2014 gegründet hat, will ich; so hatte ich es Gruppenleiterin Birgit Schmitz (53) vor ein paar Tagen angekündigt. Um zu testen, ob diese jahrhundertealte Handarbeitstechnik womöglich auch etwas für mich ist. Und nun? Sitze ich in einem Raum des evangelischen Gemeindezentrums Winz-Baak vor meinem Klöppelbrett, darauf befestigt der mit farbiger Folie geschützte Klöppelbrief – und staune. Darüber, wie Helga Kempers (58) fingerfertig einen Seidenschal, Regina aus der Mark (62) mit dünnem Draht eine Brosche in Blattform und Margret Schubert (54) ein Spitzen-Ei klöppelt . . .

Vom Kreuzen und vom Drehen

Eine kleine, nette Frauenrunde, die das Klöppeln in Gemeinschaft genießt – und das Klönen über dies und das, das zu den wöchentlichen Treffen auch dazugehört. Wobei Klöppeln und Klönen für mich noch schwer miteinander vereinbarbar ist. Ich bin zunächst beschäftigt genug, weißes Garn um die hölzernen Klöppel, das sind spindelförmige Spulen, zu wickeln. Eine gefühlte Ewigkeit brauche ich für gerade mal acht Klöppel, weitere vier hat Birgit Schmitz für mich gewickelt, das Armband soll schließlich noch heute fertig werden.

Mit den ersten zwei Klöppelpaaren lege ich los, klöppele eine kleine Spitzenreihe per Leinenschlag. „Der sieht aus wie gewebt“, so Birgit Schmitz. Und er geht so: Erst wird der rechte Klöppel des linken Paars über den linken Klöppel des rechten Paares gelegt („Kreuzen“), danach werden die zwei rechten Klöppel der Paare jeweils über den linken gelegt („Drehen“), dann wird nochmals gekreuzt. Und dann geht’s von vorn los. Ist eigentlich ganz einfach.

Ich aber muss mich mächtig konzentrieren, und immer wieder vergewissern, ob ich auch kein Drehen, kein Kreuzen vergessen habe. Solche Fehler nämlich fallen Kennern sofort auf; Birgit Schmitz, die eine Mappe mit Arbeiten von inzwischen neun Jahren Klöppeln mitgebracht hat, sieht selbst Fehler in Spitzen-Stücken, die mich in Entzückung versetzen. Dennoch ist die 53-Jährige, so scheint’s, mit mir zufrieden. Nur etwas fester anziehen könnte ich das Garn nach jedem Schlag, signalisiert sie mir. Hin und wieder vergesse ich auch, eine Stecknadel zu setzen, wenn ich auf dem Klöppelbrief wieder einen schwarzen Punkt erreicht habe. Und etwas schneller sein könnte ich auch, wird mir bewusst – nun, wo wir hier alle nur noch handwerken und ich das Klack-klack-klack von Helga, Regina und Margret höre. Bei mir klingt Klöppeln wie Klaaaah-haahk, Klaaaaah-haahk.

Den Halbschlag, der wirkt wie ein Netz, schaffe ich heute denn auch nicht mehr, aber Birgit Schmitz weist mich zumindest noch in die Technik des Ganzschlages ein (Kreuzen, Drehen, Kreuzen, Drehen). Zwei von drei Grundschlägen habe ich bei meiner Premiere geschafft. Und ein Freundschaftsarmband, das mir vermutlich nicht mal als Baby gepasst hätte. Ich werde also noch einmal wiederkommen, und obwohl ich wohl keine Klöpplerin auf Dauer werde, wirklich gerne.