Die erste Pferdebahn des Landes
03.09.2010 | 16:30 Uhr 2010-09-03T16:30:00+0200
Hattingen. Friedrich August Alexander Eversmann ließ das Schienenfahrzeug ab dem Jahr 1787 über die Baaker Wege rollen.
Für die meisten Eisenbahnfreunde ist das Jahr 2010 ein besonderes. Sie feiern das 175-jährige Bestehen der Eisenbahn in Deutschland. Für die Minderheit der Eisenbahnfreunde gilt eine andere Zeitrechnung. Sie werden daran erinnern, dass in Wirklichkeit im Jahr 1787 die erste Eisenbahn über deutschen Boden fuhr – genauer gesagt: über Hattinger Boden.
Recht haben beide Seiten. Im Jahr 1835 rollte die erste dampfbetriebene Lokomotive los – von Nürnberg nach Fürth, das ist bekannt. 48 Jahre zuvor handelte es sich an der Ruhr um eine Pferdebahn, die heute als Rauendahler Kohlenbahn bezeichnet wird.
Der Mann, der sie nach Hattingen brachte, war Friedrich August Alexander Eversmann. Er reiste 1783 nach England und besuchte in seiner Funktion als preußisch-königlicher Fabrikkommissar die dortigen Industrieanlagen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland schlug er den Bau eines eisernen Schienenweges vor. In seinen schriftlich festgehaltenen Lebenserinnerungen heißt es: „(...) die englischen Kohlenwege legte ich zuerst bei Hattingen auf den Baaker Gruben an. Alle nachherigen sind danach gebaut.”
Das ist die entscheidende Aussage, auf die sich diejenigen, die in der Rauendahler Kohlenbahn die erste Eisenbahn Deutschlands sehen, berufen.
„Andere Berichte sind nicht bekannt”, sagt Walter Gantenberg, der Herausgeber der bislang zweiteiligen Buchreihe „Auf alten Kohlenwegen”. Er schätzt die Wahrscheinlichkeit als hoch ein, dass die Rauendahler Bahn überhaupt die erste auf europäischem Festland ist.
„Kurze Zeit nach dem Bau der Rauendahler Kohlenbahn soll sich Eversmann auf den Weg nach Rüdersdorf bei Berlin gemacht haben, um dort eine vergleichbare Trasse anzulegen. Ob sie tatsächlich gebaut wurde, ist aber unbekannt.”
Über die heimische Trasse transportierten die in Linden gelegenen Zechen Anna-Catharina, Noeckerbank, Johann-Friedrich, Dickebaeckerbank und Sankt Mathias-Erbstollen ihre Kohlen in den Rauendahler Kohlenhafen, von dort aus ging es über die Ruhr weiter in Richtung Ruhrort. Der Kohlenhafen befand sich dort, wo heute der Leinpfad auf die Rauendahlstraße trifft. Die Kohlenbahn hatte eine ursprüngliche Länge von 1,6 Kilometern. Sie wurde im Jahr 1828 bis Haus Weile (heute Landhaus Grum) verlängert. Damals war das noch möglich, da sowohl Haus Weile, als auch der Kohlenhafen nördlich der Ruhr lagen. Das änderte sich mit der Ruhrverlegung 1959.
Den Auftrag zur Herstellung der Schienen erhielt das Hüttenwerk Gute Hoffnung in Sterkrade, das dazu extra einen Temperofen anlegte. Dieser Ofen war in Deutschland bis dahin unbekannt, Eversmann brachte auch diese Neuerung aus England mit. Darin bekamen die gegossenen Schienen ein weiches Gefüge.
Ein Stilllegungsdatum der Kohlenbahn ist nicht bekannt, ihr Verlauf lässt sich nur erahnen, führte aber wahrscheinlich entlang der heutigen Baaker Straße zu den verschiedenen Zechen.
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