Das Hattinger Heim der wandernden Jugend

Die Jugendherberge in Niederwenigern zählte im ersten Jahr ihres Bestehens schon 5000 Übernachtungen. 1973 wurde das Haus geschlossen. Heute wird es privat bewohnt.

Hattingen..  Ein „Heim der wandernden Jugend“ wurde sie einst genannt: die am 20. Oktober 1928 eingeweihte, nach Plänen des Kölner Architekten Ernst Hopmann erbaute Jugendherberge Niederwenigern. Über zunächst 75 Betten verfügte sie, konnte bereits im ersten Jahr 5000 Übernachtungen verzeichnen, zu den Hochzeiten eingangs der 1960er Jahre waren es doppelt so viele.

„Herrliche Ausblicke, Landschaftsbilder von unerwarteter Eindringlichkeit von diesem Stückchen Erde, das doch im Grunde nur wenige Minuten von den rauchenden Schloten und fleißigen Fördertürmen unseres Kohlenpotts entfernt ist“: So pries das Jugendherbergswerk Westfalen-Lippe als Besitzer die Unterkunft in Niederwenigern an – für Freizeiten und Treffen vor allem erholungsbedürftiger Jugendlicher in den benachbarten Großstädten. Dass am Rande der rund 2000-Einwohner-Ortschaft indes tatsächlich eine Herberge gebaut wurde, war lange nicht klar: Auch die Nachbargemeinde Langenberg nämlich hatte Interesse bekundet, kämpfte gegen Niederwenigern um den Herbergs-Zuschlag. Schließlich spricht sich dann das Reichsministerium in Berlin für den Standort oberhalb der Ruhr aus.

Das Amt Hattingen stellte daraufhin für den Herbergsbau ein etwa drei Morgen großes Gelände zur Verfügung, sorgte auch für die so genannte Baureifmachung des Areals. Und gleich drei große Gewerkschaften spendeten Geld, insgesamt 65 000 Mark: Dieses stammte aus den Anteilen der Arbeitnehmer für die Abgeltung der Besatzungsschäden im besetzen Gebiet.

Wechselvolle Geschichte

Wechselvoll war die Herbergsgeschichte während des Zweiten Weltkrieges: Die Hitlerjugend bereitete hier Jugendliche in so genannten „Wehrertüchtigungslagern“ auf die Heimatverteidigung vor, auch als Aufnahmelager für Ausgebombte diente das Haus zwischenzeitlich.

Nach dem Kriegsende wurde es dann allmählich wieder zu einer Unterkunft für Wanderer hergerichtet, noch im Jahre 1951 allerdings waren gerade einmal vier der insgesamt elf Räume benutzbar. Der damalige Herbergsvater, Paul Ernst Rabe, zugleich Kulturreferent der Stadt Recklinghausen, träumte derweil davon, die Herberge zu einer Art Kulturzentrum zu machen, in dem die Volkshochschule Lehrgänge abhalten könnte, sich regelmäßig Musik- und Laienspielgruppen treffen könnten . . .

Jugendwandergruppen orientierten sich um

Die typischen Gäste indes blieben andere: Mädchen und Jungen aus dem Umland, die in und rund um die unmittelbar am Waldrand gelegene Herberge an der Jugendherbergsstraße mit ihrer Klasse oder ihrem Klub ein paar schöne Tage verlebten. Bis Ende der 1960er Jahre ein Wandel einsetzte, Jugendwandergruppen aus dem Ruhrgebiet statt den EN-Kreis verstärkt das Sauerland oder den Teutoburger Wald ansteuerten. Das Herbergswerk beschloss daher Anfang 1971, den Standort in Niederwenigern aufzugeben, das Haus sei nicht mehr rentabel.

Die endgültige Schließung erfolgte 1973, der Essener Architekturprofessor von Chamier kaufte das leuchtend rot gestrichene Gebäude zur privaten Nutzung. Und er war es auch, der die am 30. August 1989 erfolgte Unterdenkmalstellung aufgrund der expressionistischen Bauweise beantragte.

Inzwischen hat erneut der Besitzer gewechselt, als privates Wohnhaus aber wird das einstige „Heim der wandernden Jugend“ noch heute genutzt: Seit September 1996 sind an der Jugendherbergsstraße 48 die jetzigen Besitzer Susanne Böhm und ihr Mann Jörg Lepien zu Hause. Zusammen mit zweien ihrer Kinder – und insgesamt zehn Mietern. Aus den anno 1929 acht Schlafräumen, drei Tagungsräumen, verteilt auf 500 Quadratmeter, sind 86 Jahre später vier separate Wohnungen geworden. Je auf einer eigenen Etage.