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Das Armutsrisiko wächst

18.10.2012 | 22:00 Uhr
Das Armutsrisiko wächst
Wichtige Hilfe: In der Kindertafel gab es im Februar 2010 warmes Essen für bedürftige Kinder.Foto:Archiv, UK

Hattingen.  Besonders Kinder sind in Hattingen betroffen. Alleinerziehende Mütter nehmen oft aus Scham keine Hilfe an.

„Jedes sechste Kind in Hattingen ist arm“. Dieser Satz aus dem Demografiebericht der Stadtverwaltung sorgte im vergangenen Herbst für viel Aufsehen und gab Anlass für etliche Diskussionen, was schließlich zur 1. Hattinger Armutskonferenz führte.

Nun veröffentlichte NRW-Sozialminister Guntram Schneider (SPD) aktuelle Zahlen zum Thema Armut. Die Statistik bestätigt, was im Demografiebericht erwähnt wurde. Das Armutsrisiko wächst und bedroht vor allem junge Menschen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht in NRW immer weiter auseinander. Von Armut betroffen seien vor allem Alleinerziehende, Kinder, Jugendliche und Geringqualifizierte.

Eine Entwicklung, die Bernd Loewe von „Hattingen solidarisch“ nur bestätigen kann. Von etwa 5600 armutsgefährdeten Menschen in der Stadt spricht der Vorsitzende des ehrenamtlichen Vereins. Die Armutsgrenze liege bei einem monatlichen Nettoeinkommen von etwa 950 Euro.

„Es ist zwar nicht überaus ausgeprägt in Hattingen, die Zahlen sind dennoch erschreckend hoch“, so Loewe. Zwar seien auch viele ältere Menschen dabei, die kaum von ihrer Rente leben könnten, das größere Problem sei aber die Kinderarmut. Etwa 2,4 Prozent seien bei den Senioren betroffen. Zum Vergleich: 16,5 Prozent der unter 15-Jährigen Hattinger sind auf staatliche Hilfe angewiesen. „Das betrifft vor allem alleinerziehende Mütter, die die größten Schwierigkeiten haben mit ihrem Geld auszukommen. Davon gibt es viele in der Stadt“, sagt Loewe. Hinzu ­käme eine große Dunkelziffer. Es gebe zahlreiche Bedürftige, die den Gang zum Amt aus Scham vermeiden.

Das Menschen in die Armut abrutschen, habe nicht mehr ausschließlich mit dem Verlust des Arbeitsplatzes zu tun. Steigende Sprit- oder Energiekosten machten immer mehr zu schaffen. „Es ist ein Teufelskreis. Diejenigen, die ohnehin schon wenig Geld haben, können sich natürlich auch keine energiesparenden Geräte leisten.“ So erhöht sich der Verbrauch und die Kosten steigen

Der Stadt könne man beim Thema Armut keinen Vorwurf machen. „Da muss Berlin handeln“, sagt Loewe. Was man vor Ort tun könne? „Für mehr Transparenz sorgen. Bedürftige müssen wissen, was in der Stadt angeboten wird. Von der Kleiderkammer über Caritas bis zu den Kirchengemeinden oder Vereinen wie wir.“

Dazu gehört auch „Merlin“. Als Verein zur Förderung von Kindern liegt den ehrenamtlichen Mitgliedern das Thema Kinderarmut besonders am Herzen. „Es besteht sehr viel Bedarf in Hattingen“, sagt Thekla Bieder. Die Kinder gingen meist sehr unbekümmert mit Armut um. Im Gegensatz zu ihren Eltern. Auch Thekla Bieder berichtet, dass hauptsächlich alleinerziehenden Mütter mit zwei bis drei Kindern betroffen seien.

Während viele alleinerziehende Mütter (aber auch Väter) nach einer Scheidung in Armut abrutschen, gebe es aber auch zahlreiche Arbeitnehmer, denen die Niedriglöhne zum Verhängnis werden, so Thekla Bieder. „Oft schämen sie sich einzugestehen, dass sie alleine nicht über die Runden kommen und Hilfe brauchen. Stattdessen wird dann eine Scheibe Brot weniger gegessen.“ Betroffene wüssten auch oft nicht, wo sie günstig einkaufen können. „Hier sind wir gefordert besser aufzuklären.“

Sozialminister Schneider erklärte jetzt, das Land werde darauf achten werde, dass sich die soziale Schere nicht weiter öffnet. „Daher wird die Landesregierung bis Ende 2013 ein Handlungsprogramm gegen Armut bis 2020 erarbeiten.“

Hattingen steht schlechter da als der EN-Kreis

Zahlenmäßig schneidet der Ennepe-Ruhr-Kreis im aktuellen Sozialbericht der Landesregierung noch relativ gut ab. So liegt die Mindestsicherungsquote (Anteil der Bevölkerung, die finanzielle Hilfe vom Staat bezieht) mit 9,2 Prozent etwa einen Prozent unter dem Landesdurchschnitt. Die Beschäftigungsquote ist mit 52,4 Prozent dagegen etwas höher als im gesamten Bundesland. Auch das verfügbare jährliche Einkommen liegt mit knapp 23 000 Euro höher als der NRW-Schnitt (19 600). Schlusslicht der Tabelle: Gelsenkirchen. Fast 20 Prozent der Bevölkerung beziehen dort Leistungen vom Staat.

Hattingen steht im Vergleich schlechter da als der Ennepe-Ruhr-Kreis. So liegt laut Demografiebericht das durchschnittliche Einkommen hier bei 18 510 Euro und damit im Hinblick auf Nordrhein-Westfalen eher im unteren Bereich.

16,5 Prozent aller unter 15-jähriger Hattinger (und damit jeder sechste) sind auf staatliche Hilfe angewiesen. Besonders hoch ist die finanzielle Not in der Innenstadt und Blankenstein. Weniger betroffen: Stadtteile wie Niederwenigern, Niederbonsfeld oder Holthausen.

Doch was kann man tun in Zeiten, in denen steigende Sprit- und Strompreise das Armutsrisiko immer weiter vergrößern?

Daniel Roeschies



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