Borsten, altes Holz, kein Tschernobyl-Stroh

Meinolf Gollan und Carola Tillmann in ihrem Haus an der Dahlhauser Straße in Winz-Baak .
Meinolf Gollan und Carola Tillmann in ihrem Haus an der Dahlhauser Straße in Winz-Baak .
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Das Fachwerkhaus an der Dahlhauser Straße 22 renovierten Meinolf Gollan und Carola Tillmann aufwändig und stießen auf Bausünden aus den 1960er Jahren. Heute steht es unter Denkmalschutz.

Hattingen.. Meinolf Gollan und Carola Tillmann sind mit der Restaurierung ihres Hauses zu Fachwerkexperten geworden. Die beiden Psychotherapeuten arbeiten gut fünf Jahre daran, aus dem ehemaligen Hof an der Dahlhauser Straße 22 wieder ein schönes Fachwerkhaus zu machen. Das ist etwa 30 Jahre her und noch immer hält der Bau Überraschungen bereit, wie Meinolf Gollan jetzt feststellen musste.

1985 kauften sie das Haus, das wohl 1721 erbaut wurde. Das zumindest verrät die Inschrift in einem Balken, die Friedrich Stradtman als ersten Hausherr ausweist. Zu sehen war das aber nicht, als die heutigen Besitzer das Gebäude entdeckten. „Es sah aus wie ein grauer Pappkarton“, lacht Carola Tillmann. Schuld war eine Modernisierung Ende der 1960er Jahre. Durch die wäre das Fachwerk fast zerstört worden.

Für die „Pappkarton-Optik“ sorgten Verkleidungen an der Fassade. Die ehemalige Tenne wurde zur Garage, das alte Holztor durch ein Garagentor ersetzt. Im Wohnraum war mit Beton der ursprüngliche Lehmboden abgedichtet worden – fatal für die alten Eichenbalken. „Da ist ein Balken, der hunderte Jahre gestanden hat in 20 Jahren weggefault“, sagt Meinolf Gollan und ergänzt: „Das ganze Haus stand nur noch auf zwei dünnen Pinnen.“ Um es zu retten, wurde der faulige Teil der Balken entfernt und der Rest auf niedrige Fundamente aufgesetzt.

Neue Stützen an der Decke

An der Decke wurden neue Stützen eingesetzt, weil sich die Deckenbalken als zu dünn erwiesen. „Der Boden im Obergeschoss federte bei jedem Schritt.“ Bei der Stabilisierung setzten die Hausbesitzer auf altes Holz. „In Soest wurde eine Scheune abgerissen, die ungefähr aus der Zeit stammte. Da haben wir das alte Holz auf den Tieflader gepackt und in unserem Haus verbaut“, sagt Gollan. Für die Erneuerung der Schweller musste sogar das ganze Gebäude stückweise angehoben werden.

„Man konnte von vorn bis in den Garten gucken, das war nur noch eine Säulenhalle“, erinnert sich der Hausherr. Deshalb war der nächste große Schritt, die Gefache wieder zu füllen. „Es waren die ersten Experimente mit Leichtlehmbau“, sagt Carola Tillmann. Dabei wird mehr Stroh und weniger Lehm benutzt. Aber immerhin 25 Tonnen Lehm wurden dennoch verbaut. Und der wollte mit Wasser angemischt werden. „Wir haben den erst in Wannen mit Gummistiefeln getreten“, sagt sie. Dann überlegten die Bauherren, eine Teigmaschine die Arbeit machen zu lassen. Schließlich bewältigte eine Knetmaschine aus dem Duisburger Hafen die Massen.

Was das Stroh anging, kam ein historisches Ereignis bei der Renovierung in die Quere. „Es war das Jahr von Tschernobyl. Wir brauchten Stroh, aber es gab ja den radioaktiven Fallout“, sagt Gollan. Und weil sie kein belastetes Stroh in den Wänden haben wollten, „haben wir alle Reste vom Vorjahr aufgekauft“.

Letzte Etappe: das Verputzen. „Damit der Lehmputz hält, wird er mit Tierhaar vermischt“, weiß Tillmann. Früher wurden dafür Kälberhaare genutzt, „aber die waren einfach nicht zu kriegen.“ Also verwendeten die Eigentümer Schweineborsten. „Die stehen heute noch hier und da aus der Wand raus.“

Bleibt die neueste Überraschung, die sich jetzt, nach 30 Jahren, offenbarte. „Unter der Gartentreppe ist ein Brunnen – halb draußen, halb im Haus“, staunt Gollan. Nur notdürftig war der mit Steinen und Lehm zugeschüttet worden und mit Beton verschlossen. Gollan hat ihn freigelegt und mit neuen stützenden Betonpfeilern versehen, denn genau über dem locker gefüllten Brunnen schwebte ein dicker Fachwerkbalken. „Schon als nur der halbe Schutthaufen weg war, sackte der so ab, dass die Gartentür schliff.“ Nun ist er abgestützt – auf dass das Haus noch lange erhalten bleibt.