Begleitung beim „Ritt in den Sonnenuntergang“

Ingel Stekl
Ingel Stekl
Foto: Fischer / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Inge Stekl wird vom Hospizdienst betreut. Angst vor dem Tod hat sie nicht mehr – alles ist vorbereitet. Jetzt möchte sie auch andere Menschen auf die möglichen Hilfen aufmerksam machen.

Hattingen..  „Ich wäre tot, wenn es den Hospizdienst nicht gäbe. Ich will hervorheben, was diese Menschen leisten.“ Inge Stekl ist 68 Jahre alt und schwer erkrankt. Die Hattingerin wird vom Hospizdienst Witten-Hattingen betreut. Die Betreuerinnen gaben ihr den Lebensmut zurück. Heute sagt Stekl: „Ich reiße keine Bäume mehr aus, aber ich werde noch schöne Streiche landen.“

Wie lange Inge Stekl noch leben wird, weiß sie nicht. Aber sie hat sich fest vorgenommen: „Ich werde 70. Das sage ich mir jeden Tag.“ Dabei hatte sie vor einigen Monaten schwer zu kämpfen. Die seit 15 Jahren an einer chronischen Lungenerkrankung leidende Frau – „jetzt bin ich im Endstadium“ – erhielt die Diagnose: Tumor in der Lunge. Und verlor die Hoffnung. Die Angst vor dem Erstickungstod lähmte sie, fesselte sie an die Wohnung.

„Da wusste ich, so geht es nicht weiter.“ Inge Stekl suchte Hilfe und fand sie mit einem Anruf. Zunächst in Martina Henn von der Caritas. Die Diplom-Pädagogin nahm ihr nach und nach die Angst. Heute kann die 68-Jährige ihre Wohnung wieder verlassen.

Und dann gibt es da noch Silvia Kaniut und Heike Uphues vom Hospizdienst. Sie besuchen Inge Stekl jede Woche und helfen ihr „auf dem Ritt in den Sonnenuntergang“, wie sie es selbst formuliert. „Die Heike ist was für das Herz. Sie sagt: ,Kind, das wird schon’“, erzählt Stekl. Mit Silvia Kaniut entdeckt die 68-Jährige die Wirkung von Klangschalen. „Ich bin ein spiritueller Mensch. Der Hospizdienst sucht aus, wer zu einem passt“, ist sie begeistert.

Ihre Betreuerinnen begleiten Inge Stekl. Und sie hat vorgesorgt. Die Patientenverfügung ist gemacht, denn für sie steht fest: „Ich will nicht an den Schlauch.“ In einem Karton im Schlafzimmer bewahrt sie ihr Leichentuch auf. Und im Wohnzimmer auf dem Schrank liegt ein kleines Stück Rinde – von der Linde, unter der sich Inge Stekls Grab befindet. „Das habe ich mir vom Munde abgespart“, sagt sie und betont: „Ich bin nicht lebensmüde, aber ich beschäftige mich mit dem Tod. Das ist nicht leicht.“

Janis Joplin – volles Rohr

Und mit ihrem Pragmatismus überrascht sie sogar die Damen vom Hospizdienst: „Sie haben gesagt, das hätten sie noch nicht erlebt, dass jemand die Stärke hat, sein eigenes Grab anzuschauen. Aber für mich ist das keine Stärke. Ich weiß, wo ich hinkomme.“

Nur das Allein-Sterben, das hatte Inge Stekl immer Angst gemacht. Jetzt sind mehrere Hände da, die sie halten. „Sie bleiben bei mir bis zum Tod.“ „Wir backen einen Kuchen und machen Kerzen an“, habe Silvia Kaniut ihr gesagt. Tränen soll es nicht geben, stattdessen „Janis Joplin ,Ball and Chain’ – volles Rohr“.

So lange es geht wird sie zu Hause bleiben. Danach geht sie ins Hospiz. Gegen Schmerzen wird sie palliativmedizinisch versorgt. Angst vor dem Tod hat Inge Stekl nicht mehr, sagt sie. „Ich wollte nie in einer Minute sterben. Es hat etwas Gnadenreiches, so zu leben. Ich kann mich von allem verabschieden.“

Jetzt will sie andere aufrütteln, betont: „Man kann in Würde sterben.“ Und dabei gilt ihr Dank vor allem dem Hospizdienst. Viele Alleinstehende in ihrer Situation wüssten gar nichts von den Hilfen, die sie bekommen können. Das will die Hattingerin ändern, erzählt deshalb ihre Geschichte.

Sie blickt auf den Zettel, der im Türrahmen hängt. Eine Ärztin im Krankenhaus hat ihn geschrieben, als die Angst groß war: „Eines Tages werde ich die Lippen öffnen für den nächsten Atemzug, und er wird nicht kommen. Aber etwas Anderes wird kommen, und es wird genauso einfach sein wie Atmen.“