Anklage: Verwahrlosung der Kinder

Einer Mutter und ihrem Lebensgefährten wurde vorgeworfen, die eigenen Kinder verwahrlosen zu lassen.
Einer Mutter und ihrem Lebensgefährten wurde vorgeworfen, die eigenen Kinder verwahrlosen zu lassen.
Foto: Archiv, Studnar
Was wir bereits wissen
Mutter von zehn Kindern und ihr Lebensgefährte müssen sich verantworten. Amtsgericht Hattingen gibt Eltern eine zweite Chance statt Strafe.

Hattingen..  „Das ist schwierig für uns alle, rechtlich, tatsächlich und menschlich-moralisch.“ Mit diesen Worten stimmte Richter Frank Waab auf eine Verhandlung gegen ein Elternpaar wegen der Verwahrlosung ihrer Kinder ein. Ein ungewöhnlicher Prozess, in dem sich das Gericht gegen eine Verurteilung entschied und eine vorläufige Einstellung das beste Ergebnis für die vermeintlichen Täter und Opfer war.

Angeklagt, ihre Kinder verwahrlosen zu lassen, waren eine 33-Jährige Mutter von zehn Kindern und ihr Lebensgefährte. Schon seit dem Jahr 2004 ist die Familie dem Jugendamt bekannt. Nach aggressivem Verhalten des Ex-Mannes der Hattingerin wurden die Kinder in Obhut genommen, kehrten aber, bis auf eines, zur Mutter zurück.

Zur Anklage wegen Verwahrlosung kam es nach einem Unfall im Mai 2014. Die zwölfjährige Tochter war aus dem dritten Stock vom Balkon gestürzt, als sie versuchte, einen Haarreif festzuhalten. Bei der Verarztung des Kindes wurden Anzeichen einer Verwahrlosung festgestellt, die elterliche Wohnung deshalb untersucht. Die sei laut Anklage bis auf das Wohnzimmer in katastrophalem Zustand gewesen, Wände und Möbel mit Essenresten beschmiert, Schimmel wurde gefunden, die sanitären Einrichtungen verdreckt, die Kinder haben auf durchgenässten Matratzen ohne Bezüge schlafen müssen.

„Das war nicht der Normalzustand“, betonte der Angeklagte. Nach einem Kindergeburtstag habe man noch nicht aufgeräumt, so die Mutter. Seitdem kommt zwei Mal pro Woche die Familienhilfe, die den Zustand der Wohnung kontrolliert. Zu beanstanden gab es seitdem nichts.

Allerdings sei die Kooperation mit den Eltern schwierig, sagte eine Mitarbeiterin des Jugendamtes aus. Immer wieder wehrten sie sich gegen Maßnahmen, hätten andere Vorstellungen. Meldungen der Schulen über Auffälligkeiten der Kinder, veranlassten das Jugendamt im Dezember beim Familiengericht eine Inobhutnahme der Kinder zu beantragen. Das Gericht lehnte ab mit der Auflage, die Eltern müssten kooperieren, Empfehlungen Folge leisten.

Dem schloss sich auch das Strafgericht an. „In einem Indizienprozess ist der Vorwurf der Verwahrlosung schwierig nachzuweisen“, erklärte Amtsrichter Waab. Auch eine mögliche Verurteilung berge Probleme: Eine Geldstrafe belaste die Familie in der beide Eltern Harzt IV beziehen deutlich, eine Haftstrafe reiße das Familiensystem auseinander. „Im Vordergrund steht die Förderung der Kinder, nicht die Bestrafung der Eltern“, betonte Waab, stellte das Verfahren für die Dauer von sechs Monaten ein. Kooperieren die Eltern nun weiterhin nicht, droht nicht nur die Inobhutnahme der Kinder, sondern auch die Wiederaufnahme des Strafverfahrens.