Ältere Patienten – weniger Ärzte
30.12.2009 | 18:32 Uhr 2009-12-30T18:32:00+0100Dr. Helfried Waleczek blickt medizinisch ein Jahrzehnt voraus: mit mehr Spezialisten und einem Mangel an Hausärzten.
Wer in zehn Jahren mit einem Beinbruch im Evangelischen Krankenhaus landet, liegt nicht mehr im Vierbettzimmer. „Es wird nur noch zwei Betten pro Raum geben”, sagt Dr. Helfried Waleczek, Chefarzt, Chirurg und ärztlicher Direktor des EvK. Der 50-Jährige blickt ein Jahrzehnt weiter: ganz medizinisch in 2020. Was wird sich ändern für Ärzte und Hattinger?
Im EvK wird es bis dahin drei neue Stationen geben: Neurologie, Innere und Chirurgie. Die Ärzte werden sich noch mehr spezialisieren. „Und uns deshalb noch stärker austauschen”, sagt Waleczek. Der Radiologe mit dem Kardiologen, der Chirurg mit dem Internisten. Der Mensch müsse schließlich als Ganzes betrachtet werden: „Patienten gibt es nicht in Häppchen.” Für den werde alles medizinisch maßgeschneidert sein.
Daran werden auch die pflegenden Berufe intensiver beteiligt und mehr Verantwortung übernehmen. Ob Pfleger, Ernährungsfachleute oder Schmerzteam: Alle werden im gesamten Krankenhaus im Einsatz sein. Die Grenzen zwischen den Disziplinen weichen weiter auf. „Es wird im Krankenhaus mehr spezialisierte Berufe geben”, sagt der Chefarzt. So aus den Bereichen EDV oder Logistik – und weniger Mediziner. „Das Kernproblem wird aber nicht die Anzahl der Ärzte sein”, sagt Waleczek. Sondern: mit seiner Krankheit den richtigen Arzt zum richtigen Zeitpunkt zu finden. Mediziner werden ein Netzwerk schaffen, um sich europaweit mit Kollegen auszutauschen und diese so „an den Patienten zu holen”. Auch die Hausärzte, die bereits per PC Einblick in die Patientenbefunde des EvK haben. „Bis 2020 wird es auch andersherum funktionieren, und die Krankenhausärzte sehen die hausärztlichen Untersuchungsergebnisse.”
Insgesamt wird es aber 2020 wahrscheinlich an Hausärzten mangeln. „Sie werden mit zu vielen patientenfernen Sorgen belastet”, sagt Waleczek. Zu viel Verwaltung. Da müsse die Gesundheitspolitik ran. Genauso wie an das Thema Finanzen, vor dem sich die Verantwortlichen bisher drücken. Weil in der Medizin immer mehr machbar ist, Medikamente aber gleichzeitig teuer werden, stelle sich die Frage: Wie viel wird noch ausgegeben werden können? Wie wird es sein, wenn ein 50 000 Euro teures Medikament das Leben einer 90-Jährigen um einen Monat verlängert? „Für mich als Arzt ist die Antwort klar”, sagt der Chefarzt.
Die Menschen werden immer älter. Auch deshalb werden in der Medizin ethische Themen immer wichtiger werden bis 2020: Weil so viel möglich ist, werden Ärzte nach dem Sinnvollen fragen müssen. „Wir werden den Patienten und seine Angehörigen noch viel stärker mit einbinden”, sagt der Chirurg. Das könne auch die Angst nehmen. Waleczek wünscht sich: „Den Hattinger auf Augenhöhe zu behandeln”. Der soll das Krankenhaus verlassen und sagen: „War gut.”
Auch wenn es in Hattingen keine Geburtsstation und keine Lebertransplantation geben wird: „Im Kerngeschäft wie der Blinddarm-OP sind wir gut.” Operationen werde es auch noch nach 2020 geben. Mit anderen Methoden, kleineren Schnitten, weiterentwickelter Technik, neuen Medikamenten, ohne Schmerzen.
Ob es noch mehrere Krankenhäuser in Hattingen geben wird? „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das wirtschaftlich tragbar sein wird”, sagt Helfried Waleczek. Für alle Beteiligten wäre es vorteilhaft, wenn die Mediziner unter einem Dach arbeiten.
Was bleibt: „Die Faszination an dem Beruf”, sagt der Arzt. Durch die Nähe zur Natur. Weil sie Krankheiten kennen und wissen, was zu tun ist, um zu heilen. Weil sie Rückmeldung von Patienten erhalten, die sagen: „Danke Doc”.
0mitdiskutieren