Abstieg in die Unterwelt
11.09.2007 | 15:07 Uhr 2007-09-11T15:07:35+0200Der Studienkreis Bochumer Bunker registriert, untersucht und überwacht Luftschutzanlagen.Auf Tour unter dem Gelände der früheren Henrichshütte
Wir befinden uns irgendwo auf dem Gelände der früheren Henrichshütte. Wilfried Maehler vom Studienkreis Bochumer Bunker öffnet eine rostige Tür. Der Zugang zu einem unterirdischen Deckungsgraben aus dem Zweiten Weltkrieg.
Über eine wackelige Leiter geht es in die Tiefe. Ein Hauch von Moder und Fäkalien schlägt den Entdeckern entgegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war hier provisorisch eine Abwasserleitung der mittlerweile abgerissenen Industrieanlagen verlegt. Die Rohre wurden undicht, das Abwasser staute sich zeitweise hüfthoch.
Von der Decke hängen verrostete elektrische Leitungen. Der Boden ist glitschig von den Fäkalien. Es fällt auf, dass die Türen versetzt gebaut sind. Dadurch sollte bei Bombeneinschlägen die Druckwelle gebremst werden. Teile der Luftversorgung sind noch vorhanden. Die Rohre münden in eine Filteranlage mit Handkurbel. "Die funktionieren wie eine Gasmaske", erklärt Michael Ide, Fachbereichsleiter für Bautechnik und Dokumentation beim Studienkreis. Bei Angriffen musste jemand mit Muskelkraft für saubere Luft sorgen. "Zum Glück ist es ja nie zu einem Gaskrieg gekommen", sagt Michael Ide.
Wilfried Maehler knipst das Licht der Scheinwerfer aus. Es ist dunkel. Absolut dunkel. Kein Schein irgendwelcher Standby-Lampen. Kein Mondlicht am Himmel. So haben die Menschen vor 65 Jahren hier die Fliegerangriffe abgewartet. Oft nur wenige Minuten. Manchmal aber auch viele Stunden.
Dazu die Angst. Die Furcht vor dem Verschüttetsein. Das Bangen um Haus und Familie. "Man wusste ja gar nicht, ob es sich überhaupt lohnt, wieder ans Tageslicht zu kommen", sagt Wilfried Maehler.
Für jeden Hüttenarbeiter hatten die Planer drei Kubikmeter umbauten Raum als Luftschutz vorgesehen. Sogar für die Zwangsarbeiter habe es Luftschutz gegeben. 58 Deckungsgräben seien in alten Karten registriert. Fünf davon gebe es noch auf dem Gelände.
Der Rost nagt mittlerweile an der Wand aus Stahllamellen. Soll der Graben für die Nachwelt erhalten bleiben, müsse dringend etwas getan werden, sagen die Bunkerfreunde. Die Konstruktionsweise sei einzigartig. "Die Stahllamellen wurden hier auf der Henrichshütte hergestellt", erklärt Michael Ide.
Es geht zurück ans Tageslicht und die Frischluft. Man ist geneigt, von einem spannenden Erlebnis zu sprechen. Für die Menschen damals ging es ums nackte Überleben.
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