Zweifelhafte Heizkostenabrechnung

Editha Schulte (89) soll 1238,68 Euro nachzahlen. Nicole Palsherm (re.) unterstützt sie im Kampf gegen Vivawest.
Editha Schulte (89) soll 1238,68 Euro nachzahlen. Nicole Palsherm (re.) unterstützt sie im Kampf gegen Vivawest.
Foto: WP

Hohenlimburg..  „Wir investieren gerne. Nicht nur in die Gebäude, sondern auch in die Zufriedenheit unserer Kunden. Denn Service heißt für uns Zeit, Nähe und Verantwortung für Mieter und Käufer.“ Das alles verspricht der Vivawest-Konzern, einer der größten Wohnungsanbieter in Nordrhein-Westfalen, seinen 121 000 Kunden. Unter dem Motto: „Wohnen, wo das Herz schlägt“.

An der Wiesenstraße 54 / 56 vermögen die 54 Mietparteien diesen Versprechungen nicht zu glauben. Ihre Erfahrungen sind ganz andere. Von den 54 Mietern sollen mehr als 40 kräftig in die eigene Tasche packen, um die horrenden Heizkosten für den Zeitraum 1. Juli 2013 bis 30. Juni 2014 zu begleichen. Die Abrechnung flatterte ihnen Anfang März ins Haus. Das führte zu unliebsamen Überraschungen. Auch für Editha Schulte, Mieterin der ersten Stunde aus dem Jahr 1970, die 1238,68 Euro nachzahlen soll. Dabei war die 89-jährige Seniorin in den sogenannten kalten Monaten Februar und März für fünf Wochen verreist. „Ich habe, um Heizkosten zu sparen, eigentlich nur mein kleines Kinderzimmer beheizt und mich darin aufgehalten. Das große Wohnzimmer habe ich nicht genutzt“, erzählt sie.

Irgendwie hatte die 89-Jährige eine Vorahnung, als sie umgehend die Einzugsermächtigung für „Vivawest“ von ihrem Bankkonto revidierte und diese in einen Dauerauftrag ummünzte. Denn das „Unternehmen mit Herz“ ist nicht bange, die ausstehenden Forderungen postwendend einzutreiben, obwohl die Mieter mit Schreiben vom 9. März Widerspruch eingelegt haben. „Als meine Nachbarin in dieser Woche zur Bank kam, um Geld für den monatlichen Einkauf abzuholen, hatte sie nur noch 18 Euro auf dem Konto“, berichtete sie. „Deshalb hat der Bankmitarbeiter das Geld von „Vivawest“ zurückgeholt.“

Alter Stand 0, neuer Stand 0

Überhaupt sind die Abrechnungen ein großes Geheimnis und völlig unübersichtlich. Sie scheinen aus dem Lehrbuch des weisen Konfuzius zu stammen. Die Problematik beginnt schon bei den Ablesequittungen. Alter Stand 0, neuer Stand 0, Verbrauch 1168. Wie diese Zahl zu ermitteln ist, bleibt den Mietern der einstigen Hoesch-Wohnungsbau verborgen.

„Sobald der Stichtagswert gespeichert ist, setzt sich das Gerät wieder auf 0“, schreibt Dr. Marie Mense, Pressesprecherin des Unternehmens, auf Anfrage dieser Zeitung. „Die angegebenen Zahlen sind Verbrauchseinheiten und keine Kubikmeter“, betont die Pressesprecherin. Und eben diese Verbrauchseinheiten (VB) seien von unterschiedlichen Faktoren abhängig: u.a. vom Kälte- und Wärmeempfinden der Mieter, wie gelüftet werde und auch von der Lage der Wohnung. Ob es sich möglicherweise um eine Wetterecke handele. Was jedoch unter Verbrauchseinheiten zu verstehen ist, konnte sie nicht erklären.

Merkwürdig ist jedoch, dass einige Mieter mit einem Jahreswert (!) von 31 VB auskommen; andere 1811 VB nur in ihrem Wohnzimmer verblasen. Entsprechend hoch sind die Nachforderungen der „Vivawest“.

Beim Mieterverein Hagen sind zwischenzeitlich zahlreiche Bewohner der Häuser Wiesenstraße 54 / 56 vorstellig geworden und haben um Rat gefragt.

Die Hagener Experten führen dieses Kostendilemma möglicherweise auf das an der Wiesenstraße genutzte Einrohrleitungssystem zurück: „Diejenigen, die oben wohnen, sind die Betroffenen. Wer dort wohnt, zahlt viel mehr.“ Dieser Darstellung widerspricht Dr. Marie Mense. „Es gibt auch Mieter, die im 6. Stock wohnen, die einen geringen Energieverbrauch haben.“

Nur der kleine Kessel läuft

Nicht erklären kann die Pressesprecherin die Darstellung der Mieter, dass der eigentlich für die Heizung der Häuser installierte Kessel seit mehreren Jahren nicht mehr in Funktion sei, nur noch als Wasserreservoir diene und von einem kleinen Warmwasserkessel gespeist würde.

Das führt in den Morgenstunden bei einer großen Nachfrage nach Warmwasser dazu, dass der eine oder ander beim Duschen einen kalten Po bekommt. „Wir haben mehrfach auf diesen Missstand hingewiesen. Geschehen ist nichts“, versicherte Nicole Palsherm gestern. Dazu Dr. Marie Mense: „Wir können zu diesem Thema erst in der kommenden Woche etwas sagen.Von den drei Kollegen im Kundencenter, die Auskunft geben können, ist einer im Urlaub und zwei sind erkrankt.“

Für Nicole Palsherm ist die gesamte Abrechnungsmodalität ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln. Nicht einsehbar für sie waren bislang nämlich die Verbrauchswerte (Zählenstand) der zurückliegenden Jahre für die gesamte Wohnlage. „Die haben wir nie bekommen“, versichert sie, die sich zur Sprecherin der mehr als 50 Mieter gemacht hat und im Austausch mit der „Vivawest“ steht.

Weitere Ungereimtheiten

Eine weitere Ungereimtheit: Zum 1. Januar 2013 hat „Vivawest“ den Gasanbieter gewechselt. In den folgenden sechs Winter- und Frühlings-Monaten (bis zum 30. Juni 2013) sollen in beiden Häuserblocks insgesamt nur 1300 Kubikmeter Gas verbraucht worden sein; in den folgenden vier Sommermonaten (1. Juli. bis 25. Oktober ) 55 556 Kubikmeter. Was ist da falsch gelaufen? Bei „Vivawest“ konnte auch diese Frage bislang niemand klären. Vielmehr heißt es im Antwortschreiben an die Mieter. „Ihre Heizkostenabrechnungen haben wir nochmals geprüft. Uns wurde vom Gasversorger die Richtigkeit der Werte bestätigt.“