Wo das Außergewöhnliche Normalität ist

Schulleiter Rolf Moser und Lehrer Gerhard Vogt.
Schulleiter Rolf Moser und Lehrer Gerhard Vogt.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Sie ist die größte Schule Hagens, die älteste Gesamtschule der Stadt und galt zumindest in ihrer Entstehungsphase als modernstes Schulgebäude der Stadt: die Gesamtschule in Helfe.

Hagen-Helfe.. Sie ist die größte Schule Hagens, die älteste Gesamtschule der Stadt und galt zumindest in ihrer Entstehungsphase als größtes und modernstes Schulgebäude, das in Hagen jemals gebaut wurde: Die Gesamtschule Fritz Steinhoff in Helfe, benannt nach dem ehemaligen Oberbürgermeister und NRW-Ministerpräsidenten, wird 40 Jahre alt. Im September 1975 wurden auf der Anhöhe am Bügel, in direkter Nachbarschaft der Gartenvorstadt Helfe, die ersten 289 Kinder unterrichtet – in neun (!) fünften Klassen.

In solch außergewöhnlichen Dimensionen zu denken, gehört an der Schule, die von Anfang an als größte Schule Hagens konzipiert worden war, zum Alltagsgeschäft. 1400 Schüler, 120 Lehrer, 194 Räume, selbst in der heutigen geburtenschwachen Zeit immer noch sieben Klassen pro Jahrgang – Ortsunkundige verlieren in dem weitläufigen, verwinkelten Gebäude leicht die Orientierung.

Zulauf vom ersten Tag an überwältigend

Aber da ist einer, der die vielen Gänge und Flure kennt wie seine Westentasche, der schon immer hier gearbeitet hat und Generationen von Schülern kommen und aufwachsen und gehen sah: Gerhard Vogt (63), dienstältester Lehrer an der Schule, definiert seinen Beruf seit jeher als Standpunkt: „An eine Gesamtschule geht man aus Überzeugung. Auch bei mir war das eine ganz bewusste Entscheidung.“

Denn 1976, als er nach Helfe kam – die Bildungsstätte war gerade ein Jahr alt – beherrschten ideologische Grabenkämpfe und Demonstrationen das schulpolitische Klima in Deutschland. Heute ist kaum noch vorstellbar, mit welcher Verbissenheit, ja Unversöhnlichkeit sich die Befürworter integrierter Schulformen wie der Gesamtschule und die Verteidiger des dreigliedrigen Schulsystems aus Haupt-, Realschule und Gymnasium gegenüberstanden. „Wir sind angetreten für eine größere Chancengleichheit aller Schüler, um die Potenziale der Kinder aus allen Schichten zu fördern“, erinnert sich Vogt. Es sei eine Kraftprobe gewesen, die Helfer Gesamtschule, die zu den ersten 30 in Nordrhein-Westfalen gehörte, ins Werk zu setzen. Doch der Zulauf sei vom ersten Tag an überwältigend gewesen. In seinen 39 Jahren als Lehrer in Helfe habe es nicht ein einziges Jahr gegeben, in dem die Schule alle Bewerber aufnehmen konnte, so Vogt: „Das darf nicht verwundern. Man kann nach der Grundschule nicht voraussagen, welches Entwicklungspotenzial in einem Schüler steckt.“

Einträchtige Koexistenz

Die Gefechte werden jedoch inzwischen weit weniger weltanschaulich geführt, spätestens seit dem NRW-Schulfrieden von 2011 (Kommunen sollen vor Ort entscheiden, welche Schulform für sie die jeweils beste ist, Aufgabe der Hauptschulen, Einführung von Sekundarschulen) leben die verschiedenen Schulformen in einträchtiger Koexistenz. „Ich glaube, unsere Leistungen werden mittlerweile auch von CDU-Vertretern anerkannt“, analysiert Rolf Moser, seit sechs Jahren Schulleiter in Helfe, die gegenwärtige Lage.

Die Gesamtschulen könnten heutzutage einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den Segregationsprozess innerhalb der Gesellschaft, wenn nicht zu stoppen, so doch zu verlangsamen. Auf Dauer werde es freilich schwierig sein, eine Spaltung der Gesellschaft zu verhindern, die sich zum Beispiel in der Ausformung von Wohngebieten zeige, in denen jeweils nur eine bestimmte Schicht lebe.

Andererseits habe inzwischen auch in vielen Gymnasien ein Umdenken stattgefunden, sieht Moser einen Angleichungsprozess: „Auch dort werden verstärkt leistungsschwächere Kinder und solche mit Migrationshintergrund gefördert.“

Neue Generation an Lehrern

Im 40. Jahr des Bestehens vollzieht sich an der Gesamtschule Helfe ein Umbruch, 40 Prozent der Lehrer sind seit 2009 in den Ruhestand getreten, auch Gerhard Vogt wird bald pensioniert, eine neue Generation von Lehrern löst die Veteranen der erziehungspolitischen Schlachten der 70er- und 80er Jahre ab.

Trotz aller Kompromissfindung bleibt die Gesamtschule für den erfahrenen Pädagogen eine Frage der Haltung: „Schließlich belegen internationale Bildungsstudien, dass Schulsysteme, in denen die Kinder länger gemeinsam lernen, erfolgreicher sind.“