„Wir brauchen eine Schrumpfungsstrategie“

Hagen..  Sie sind vier völlig eigenständige Unternehmen, doch in einer Arbeitsgemeinschaft sitzen die vier großen Hagener Wohnungsgesellschaften und -genossenschaften regelmäßig zusammen, um sich abzustimmen und Strategien für Hagens Zukunft zu entwickeln. Das haben die Geschäftsführer nun auch auf Einladung unserer Zeitung getan. Am Tisch saßen Marion Golling (Hohenlimburger Bauverein, Holibau), Marco Boksteen (Hagener Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft, HGW), Matthias Lüdecke (Wohnungsverein Hagen) und Christoph Rehrmann (Gemeinnützige Wohnstättengenossenschaft, GWG).

Hagen hat einen hohen Migrantenanteil: Müssen sich die Wohnungsbaugesellschaften ganz speziell darauf einrichten?

Marion Golling: Ja, wir haben einen hohen Anteil an Mietern mit Migrationshintergrund. Wir achten aber innerhalb der Hausgemeinschaften auf Ausgewogenheit. Zum Glück haben wir eine Mitarbeiterin mit türkischem Hintergrund. Sie kann unsere Anliegen zum gemeinsamen Miteinander in der Muttersprache verständlicher mitteilen.

Matthias Lüdecke: Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft ist bei uns doch zur Normalität geworden. Es gibt sicherlich unterschiedliche Wohngewohnheiten, die berücksichtigt werden müssen. Probleme gibt es dabei aber eher wenige, wenn man auf eine Durchmischung der Wohnungsbestände achtet.

Christoph Rehrmann: Wir haben als Arbeitsgemeinschaft der Hagener Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften auch unsere Bereitschaft erklärt, bei den aktuellen Herausforderungen der Unterbringung von Flüchtlingen zu helfen. Was wir aber nicht wollen, ist, dass neue Ghettos entstehen. Menschen müssen die Möglichkeit haben, sich zu integrieren.

Marco Boksteen: Als HGW haben wir derzeit rund 50 Wohnungen an Flüchtlinge vermietet. In einem Fall sogar ein ganzes Haus. Aber wir haben eine eigene Sozialarbeiterin und mehrere Siedlungsverwalter, die sich auch um diese Flüchtlinge kümmern. Etwa in alltäglichen Dingen wie der Mülltrennung.

Ihre Unternehmen haben in jüngster Zeit auch ganze Häuser aus ihrem Bestand abgerissen. Eine dramatische Entwicklung für Hagen oder eine normale Marktbewegung?

Rehrmann: Eine normale Bewegung ist das sicherlich nicht. Abreißen macht auch keinem von uns Spaß, aber man muss sich den Marktbedingungen stellen. Massive Leerstände können einen ganzen Straßenzug herunterziehen.

Golling: Wir haben als Hohenlimburger Bauverein ja sogar einen gesamten Straßenzug abgerissen. Es handelte sich um Bestände, die aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit nicht zukunftsgerecht zu modernisieren waren. Weil dort eine negative Strahlkraft von den leer stehenden Häusern ausging, haben wir uns für den Abriss entschieden. Unser Blick gilt nun der Aufwertung des gesamten Wohnquartiers.

Boksteen: Auch bei uns gibt es natürlich Planungen für Abrisse, wir haben dies auch schon mehrfach getan. Was sinnvoll wäre, wäre aber ein strukturierter Rückbau.

Lüdecke: Ja, die Abrissquote ist noch sehr gering in Hagen. Generell müsste nicht mehr benötigter Wohnungsbestand in den Stadtteilen gezielt vom Markt genommen werden, um die Wohnqualität in den Quartieren dauerhaft zu erhalten. Die Gesellschaften hier am Tisch bekämen das in einem gewissen Umfang vielleicht auch noch hin. Doch es gibt viele private Hausbesitzer, und diese ganzen Interessen unter einen Hut zu bringen, ist eine unheimlich schwierige Aufgabe.

Wie kann sie gelöst werden?

Rehrmann: Wir müssen den Wohnungsbestand in Hagen generell reduzieren. Und bei solch einer Aufgabe ist auch die Politik gefordert, die das Ganze steuern muss.

Lüdecke: Hier sind Bund, Land und Kommunen gefordert. Es muss ein städtebauliches Konzept geben, das solch einen Rückbau fördert. Es gibt zwar bereits jetzt Förderprogramme für den Abriss, die aber grundsätzlich Neubauverpflichtungen beinhalten. Das hilft uns hier in Hagen aber nicht.

Golling: Bei solchen Programmen müssen Kommunen auch in der Lage sein, den Eigenanteil aus eigener Kraft zu stemmen. Und das ist angesichts der finanziellen Lage in Hagen schwierig.

Boksteen: Was wir in Hagen brauchen, ist ein Konzept, das Qualität statt Quantität fördert. Dazu ist quasi eine pragmatische Vision für Hagen nötig, und die muss von der Stadtverwaltung kommen. Dann bringen wir uns als Wohnungsgesellschaften und -genossenschaften auch gerne ein. Was wir auch brauchen, ist eine Schnittstelle zwischen Wohnungsplanung und Wirtschaftsförderung.

Ist dieses Bewusstsein in Politik und Gesellschaft schon ausgereift?

Lüdecke: Nein. Wir brauchen für Hagen tatsächlich eine Schrumpfungsstrategie, da die Bevölkerung auch in den nächsten Jahren weiter deutlich abnehmen wird.

Golling: Es gibt ja noch die Handlungsempfehlungen aus dem Masterplan Wohnen. Der Masterplan wurde in Zusammenarbeit zwischen der Stadt Hagen und den Wohnungsunternehmen in den Jahren 2005/2006 entwickelt.

Lüdecke: Ja, aber dieser Masterplan ist doch gar nicht mehr aktuell.

Rehrmann: Wir benötigen einen neuen Masterplan Wohnen, der auch Strategien für die einzelnen Stadtteile entwickelt.

Wie muss solch ein Schrumpfungsplan aussehen?

Lüdecke: Wir müssen darüber reden, wo wir das Wohnen in Hagen weiterhin fördern möchten und an welchen Stellen Wohnraum dauerhaft nicht mehr nachgefragt wird. Ein Beispiel: Entlang der Eckeseyer Straße gibt es noch Wohnbebauung, die heute schon sehr unattraktiv ist. Diese Flächen könnte man für Gewerbeansiedlungen nutzen, daran mangelt es in Hagen ja nun auch. Es geht aber auch um die gesamte Infrastruktur, die bei einem gesteuerten Schrumpfungsprozess auf den Prüfstand müsste.

Golling: Dazu braucht es Verantwortliche und Entscheider. Personen mit Rückgrat, die den Hagener Bürgern ehrliche Antworten auf ihre Fragen geben.

Boksteen: Ja, und das ist Chefsache. Da erwarte ich auch, dass solch ein schwieriger Prozess vom Oberbürgermeister begleitet und geleitet wird.

Rehrmann: Und das Ganze ist eine Frage des Geldes. Es gibt private Vermieter, die ihr Mietshaus als Altersvorsorge gesehen haben. Natürlich werden sie nicht leicht einem Abriss zustimmen. Dafür muss es einen Ausgleich geben.

Lüdecke: Solch ein Schrumpfungsprozess muss von allen Beteiligten intensiv begleitet werden. Und wenn dies so ist, dann ist der Weg zwar steinig, aber nicht unbedingt negativ. Dann kann er zu einem positiveren Gesamtbild beitragen.

Inwiefern können sich Ihre Unternehmen in die städtische Infrastruktur einbringen?

Boksteen: Am Beispiel Flüchtlinge haben wir das ja schon thematisiert. Natürlich fühlt sich eine städtische Gesellschaft wie die HGW verpflichtet, hier zu helfen. Ein anderes Beispiel: In der Franzstraße bauen wir eine neue Kita. Aber natürlich gibt es bei all dem Engagement Grenzen der Wirtschaftlichkeit.

Rehrmann: Auch wir engagieren uns als GWG in Aufbau und Erneuerung von Infrastruktur. Zum Beispiel aktuell mit dem Bau der Kita am Quambusch und der Übernahme und Modernisierung von zwei weiteren Kitas am Spielbrink und am Hüttenplatz. Das ist für uns kein gewinnbringendes Geschäft, soll es auch nicht sein. Aber so etwas können wir machen, um ein Wohnquartier zu festigen. Generell gilt aber: Wir sind ein Wirtschaftsbetrieb, und wir müssen im Sinne unserer Genossenschaftsmitglieder auch so handeln.

Lüdecke: In gewissem Maße ist es sicherlich Aufgabe der Genossenschaften, unseren Mietern über das Wohnen hinaus etwas zu bieten.

Golling: Aber dabei sind wir in erster Linie auch unseren Mitgliedern und Mietern verpflichtet. Wir übernehmen bereits viele soziale Aufgaben, die auch im kommunalen Bereich angesiedelt sind, zum Beispiel in der Seniorenarbeit.

Boksteen: Aber natürlich fühlen wir alle uns hier am Tisch dem Allgemeinwohl in Hagen viel mehr verpflichtet als die großen überregionalen Wohnungsgesellschaften. Für die ist Hagen nur ein Handelsmarkt.

Lüdecke: Bei denen geht es allein um Rendite, die muss Hagen als Stadt nicht interessieren. Wir alle hier am Tisch haben aber bis auf wenige Ausnahmen unseren gesamten Wohnungsbestand hier in Hagen. Wir sind dauerhaft am Hagener Markt tätig, wir können und wollen unsere Geschäftsfelder nicht verlagern.

Rehrmann: Bei uns geht es nicht in erster Linie um die Rendite, das unterscheidet uns.

Sind die Hagener Wohnungsbaugenossenschaften und -gesellschaften eigentlich ein Auslaufmodell oder sind ihre Wohnungen weiterhin gefragt?

Golling: Ja, sicher sind wir noch gefragt. Wir haben sogar eine ganze Reihe von Genossenschaftsmitgliedern, die könnten sich durchaus Wohneigentum leisten, wollen aber Mieter bleiben. Wohnen bei einer Genossenschaft stellt eine gute und sichere Alternative zum Wohneigentum dar.

Rehrmann: Allerdings müssen wir heute ein Riesenrad drehen, um die Mieter zu erreichen. Sie haben die große Auswahl hier in Hagen.

Boksteen: Deshalb arbeiten wir ja alle daran und investieren viel, um die Wohnungen den heutigen Lebensverhältnissen der Menschen anzupassen. Dazu gehören größere Zuschnitte.

Golling: Und dabei schaffen wir es, den Menschen weiter bezahlbares Wohnen zu ermöglichen.