Wenn nur eine Hälfte übrig bleibt...
11.11.2008 | 16:39 Uhr 2008-11-11T16:39:00+0100
Wenn Kornelia S. mit dem linken Bein aufsteht, dann ist für sie der Tag gelaufen. Das kennen Sie? Seien Sie froh: So kennen Sie es eben nicht.
Kornelia S. wurde an einem Tumor im Kopf operiert. Ihre linke Körperhälfte verlangt seither besondere Konzentration. Die 49-Jährige ist zu 60 Prozent schwerbehindert.
Unaufdringlich, aber bestimmt hat Kornelia S. die Gesprächsführung übernommen. Stellt Günther Weyland vor, ARGE-Arbeitsvermittler und in Nebenrolle „Schutzengel”. Charakterisiert Wesen und Enthusiasmus von Sozialarbeiterin Marion Stahl („Sie ist hier immer. Eine, die zwischendurch auch mal in die Papiere guckt”).
„Ich kann nur auf einer Seite weinen”
Kornelia S. vermittelt Kompetenz, Menschenkenntnis traut man ihr zu. Aus den blauen Augen strahlt Offenheit, in einer Mischung aus forsch und sanft. Kurz: hier sitzt eine reife Persönlichkeit, mit sehr lebendiger Ausstrahlung.
Im Zeitraffer, unspektakulär kurz erzählt, fasst sie einige Lebensstationen zusammen. Drei Ausbildungen - Reiseverkehrskauffrau, Friseurin, Visagistin. Eineinhalb Jahre hineingeschnuppert in Grafik und Design. Immer selbstständig gearbeitet - als Maskenbildnerin der Schönen und Reichen aus der Model-Szene. Ein Pferd, Schauspiel-Unterricht in der Schweiz, gelebt auch in Amerika - kurze Schlaglichter auf das Vorher.
Die Probleme begannen 2004. Fast durch Zufall dann die Diagnose: Hirntumor. „Mir muss damals etwas schrecklich auf die Nerven gegangen sein”, hat sie für sich eine Erklärung gefunden. Die Operation ist gefährlich. Ein Teil des Tumors wird entfernt - „nur ein Teil, damit ich mein Gesicht nicht verliere”. Sie gewinnt das Leben - und verliert ihre linke Körperhälfte. „Ich kann auch nur auf einer Seite weinen...”
Sie zuckt die Achseln. Mischt Dank mit Fröhlichkeit: „Ist immer noch glücklich gelaufen”. Und: „Man muss eben mit der Hälfte seiner Kraft auskommen”. Wer soviel kreative Energie hat, wie sie, schafft das. Und zwar in einer solchen Ungezwungenheit, dass Außenstehenden ihre Behinderung nicht mal erkennen. Sie geht forsch die Treppe herunter, gestikuliert mit rechts wie links - eine Frage von Konzentration und Koordination. Mit Lärm, sagt sie, könne sie schlecht umgehen. Dafür umso mehr mit Menschen: Bei „Rückspiel”, dem Projekt von ARGE und Werkhof, organisiert sie. „Wohlgemerkt: Das ist keine Chef-Nummer”, stellt sie klar. „Wir sind alle Ein-Euro-Jobber”. Und gucken: Wer kann was?
Was sie kann? „Du bist vielseitig talentiert”, bescheinigt ihr Marion Stahl. Und dafür seien solche Projekte wichtig: Um die Leistungsfähigkeit auszuprobieren, um aber auch auszuloten, was man sich selber zutraut, wie die Qualifikationen sind, ergänzt Günther Weyland.
„Schön wär' ein Leuchtturm...”
- Zurzeit sind in Hagen 891 Schwerbehinderte gemeldet (Stand 10/2008).
- 638 davon werden von der ARGE Hagen betreut; 253 von der Agentur für Arbeit.
- Mit zunehmender Tendenz werden im Rahmen der Beeinträchtigungen übrigens auch psychische Krankheiten registriert.
- „Rückspiel” ist die Spielzeugwerkstatt in Eckesey, eine Kooperation zwischen Arge und Werkhof GmbH.
- In dem Projekt arbeiten schwerbehinderte Menschen gebrauchtes Spielzeug auf, um es dann an Kinderheime, Kindergärten etc. zu verschenken. Gleichzeitig wird auch Spielzeug von Kindergärten und Schulen kostenlos repariert.
- In der Maßnahme sind zurzeit 15 Menschen beschäftigt.
- Die Maßnahme läuft wegen einer Rechtsänderung zum 1. Januar mit Ablauf des Jahres zunächst aus. Die Arge rechnet allerdings mit Verlängerung.
Neue Perspektiven, eine Tagesstruktur: „Ich war auch noch nie angestellt”, lacht Kornelia. „Diese Hierarchien - das ist total spannend.” Dramaturgische Pause. „Manchmal auch nicht lustig”, lächelt sie. Wir plaudern über „Gott und die Welt”, über Politik und Gesellschaft. Auch über Chancen und Vorurteile. Die Chancen, mit einem Schwerbehinderten-Ausweis auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die Vorurteile, die oft bei Arbeitgebern noch verankert sind. Zu Unrecht, macht Weyland deutlich. „Eine Schwerbehinderung sagt nichts über Leistungsfähigkeit aus”. Und: „Eine Behinderung haben sie - mit oder ohne Ausweis”. Der allerdings bringt steuerliche Vorteile und einen verstärkten Kündigungsschutz. Genau, sagt Kornelia. „Nur: Dann stellt Sie doch erst gar keiner ein.” Weyland winkt ab. Stimmt nicht, betont er. Weil der Vermittlung oft eine „Trainingsmaßnahme” vorgeschaltet ist, zum Kennenlernen. Weil klar ist, dass zum Arbeitsverhältnis mehr gehört, als die Lieferung der Leistung. Und weil Arbeitgeber neben ihrer Pflicht, Behinderte einzustellen, dafür auch Zuschüsse bekommen.
Für Kornelia S. und die Menschen im „Rückspiel”-Team ist diese Maßnahme sozusagen ein Testspiel für den regulären Arbeitsmarkt.
Was bringt die 49-jährige neben ihrer Lebenserfahrung und drei Ausbildungen mit? Sie spricht perfekt Englisch, hat eine soziale Ader, kann mit Menschen umgehen, modelliert, malt... „Ich hab auch nur etwas Kaufmännisches gelernt, damit meine Eltern sich mal freuen”, lacht sie - Kreativität geht vor. Dabei ist Kornelia S. vielfach talentiert, braucht Herausforderungen, Abwechslung. Kurz: „Ich möchte etwas tun, was mir Freude macht, etwas, das erhellt. Weil ich dann gut bin”.
Zurück zu Kornelia S. „Die ersten drei Monate hab ich mir sehr leid getan.” Als Selbstständige - „da ist man plötzlich gleich auf der untersten Stufe. Das ist bitter”. Andererseits: „Ich hatte schon alles, was ich wollte. Eigentlich bin ich ein glücklicher Mensch”. Auch das gehört zum Nachher: Lernen, Hilfe anzunehmen. Lernen, sich zu bescheiden. Wo sie hin will? Ihr Humor bricht sich wieder mal Bahn: „Ruhig sollte es sein - schön wär ein Leuchtturm...”
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