Wenn Frauen den Bohrer schwingen - Bauhaus-Workshop in Hagen

Erste Versuche im Baumarkt-Workshop: Starke Frauen über das Verlegen der Fliesen.
Erste Versuche im Baumarkt-Workshop: Starke Frauen über das Verlegen der Fliesen.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Ein Heimwerkerabend in der Hagener Bauhaus-Filiale für die weibliche Kundschaft: 321 Teilnehmerinnen legen sich beim Fliesen, Bohren und Streichen ins Zeug.

Hagen.. Die Welt wandelt sich. Donnerstagabend 20 Uhr im Hagener Bauhaus. Keine Männer. Überall Frauen. Wo sonst in der Filiale Blumen platziert sind, sitzt die weibliche Kundschaft dicht gedrängt an Biertischen. Aus Unna, Herdecke, Ennepetal, Wetter und Dortmund ist sie angereist. Alle Altersgruppen sind vertreten. Bei Sekt und Selters wird vergnügt geplaudert. Vorfreude ist spürbar. Heute haben die Frauen ein Heimspiel: Women’s night. Eintritt frei. Drei Stunden lang darf gedübelt, gesägt und gebohrt werden.

Mut zum Erstkontakt

„Ich will nicht warten, bis mein Mann Zeit hat“, sagt Marcella Kalamarz. „Wenn ich ein Bild oder einen Spiegel aufhängen will, kann ich es künftig selbst machen.“ Zum ersten Mal hält die 39-Jährige aus Hagen eine Bohrmaschine in der Hand. „Es geht leichter als gedacht.“ Und Sandro Dossena gibt Anweisungen. Geduldig. Ruhig.

Ein Mutmacher mit Pferdeschwänzchen. „Seien Sie nicht zu zaghaft, sorgen Sie für einen festen Stand und binden Sie die Haare zusammen.“ Der Fachmann der Firma Bosch versteht es, den Frauen die Angst vor dem Erstkontakt mit der Maschine zu nehmen: „Trauen Sie sich, geben Sie Gas.“ Der Bohrhammer füllt mit seinem Lärm die Halle. Ein Blick in die Gesichter verrät viel über die Motivation der Anfängerinnen. Gudrun Eichhorn, eine 43-jährige Beamtin: „Man will sich selber beweisen, will zeigen, dass man mehr kann, als man sich eigentlich zutraut.“

Sie spricht eine Wahrheit aus, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa belegen kann: 60 Prozent der Frauen, die zur Bohrmaschine greifen, tun es für das Selbstbewusstsein. 75 Prozent werkeln, weil es billiger ist, als wenn der Handwerker kommt Und jede dritte Frau schraubt und dübelt, weil es der männliche Partner nicht macht.

„Ja, selbst ist die Frau“, flötet Fadma Bouradrouh und verstreicht den Kleber für die Fliesen auf der Wand. „Fast wie bei meiner Arbeit. Ich bin Kosmetikerin.“ Und die 40-Jährige setzt in der Reihe Fliese an Fliese. Mit viel Fingerspitzengefühl.

Zurückhaltung beim "Mauern" aufgeben

Stein auf Stein soll es beim Bau einer Ruinenmauer nicht sein. Schließlich soll sie länger als für einen Augenblick halten. „Wenn die erste Reihe richtig sitzt“, sagt Jens Bielefeld von der Firma Ehl, „dann fluppen die anderen.“ Wortreich beschreibt er das Vorgehen. „Setzen Sie die Steine gegeneinander - bis es knirscht.“ Er rät den Frauen, die Zurückhaltung beim Mauern in der Regalschlucht aufzugeben. „Wir sind Ruinenmaurer. Hauen Sie mit dem Gummihammer kräftig zu, stellen Sie sich etwas vor.“ Munteres Gelächter signalisiert Zustimmung.

43 Prozent der Baumarkt-Kunden sind emanzipierte Frauen

Sabine Hillmann verfolgt jeden Arbeitsschritt mit großem Interesse. Die 50-Jährige aus Hagen: „Ich will in unserem Garten eine Kräuterschnecke bauen.“ Ob Sie sich das zutraut nach diesen ersten Gehversuchen? „Mal sehen.“ Experte Bielefeld will nicht entmutigen, aber gibt zu: „Mehr als das Niveau im ersten Lehrjahr ist nach diesem Schnuppern nicht drin.“ Dass er einen Abend im Reich der Frauen arbeitet, ist für den 38-Jährige ein Stück Normalität: „Es passt in die Zeit und gehört zur Emanzipation. Jetzt darf ja auch der Mann das Baby wickeln.“

Viele Frauen fahren zu jeder Women's Night

Über die Resonanz wundert er sich nicht mehr. „Viele Frauen fahren mittlerweile zu jeder Nacht im Bauhaus in NRW. Sie wollen alles machen.“ Das stimmt an diesem Abend auch den Filialleiter Guido Becker froh. Warum? „Weil es das Geschäft zusätzlich belebt. Wir haben vier Wochen lang richtige Nachläufe.“ Und der 50-Jährige schiebt nach: „Nicht zuletzt hebt es den weiblichen Kundenanteil.“

Dass der Baumarkt als letzter Rückzugsort des Mannes gilt, als eine Domäne echter Kerle, ist längst Geschichte. Mehr als 43 Prozent der Kunden sind inzwischen weiblich. Mann und Frau schätzen Do-it-yourself. Die Trennung, sie zuständig für die Deko, er für das technische Gerät, ist vorbei.

Keine Angst vor Pannen und Pleiten

Das unterstreicht die Erzieherin Monique Liske aus Dortmund. Sie will die Wände im Bad mit Streichputz versehen. Keine Angst vor möglichen Pannen und Pleiten? „Nein“, antwortet die 26-Jährige. „Warum denn? Ich bin sehr experimentierfreudig.“

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