Warum Jamphel Yeshi sich selbst anzündete

Hagen/Tibet..  Wir haben uns dagegen entschieden, das Foto abzudrucken. Es zeigt die letzten 50 Meter im Leben des jungen Tibeters Jamphel Yeshi. Er ist 27, trägt Jeans und ein Hemd. Er presst die Augen zusammen. Während er mit riesigen Schritten über eine Straße voller Menschen läuft, zieht er eine tiefschwarze Rauchwolke hinter sich her. Und einen riesigen Flammenball. Die Menschen, die ihn anstarren, können ihn riechen, hören ihn schreien. Jamphel Yeshi sprintet in den Tod. Er hat sich angezündet. Für ein freies Tibet.

Das Foto, das ein Passant zufällig aufnahm, ging um die Welt. Der brennende Jeshi wurde in den großen Gazetten gezeigt. Der 27-Jährige starb im Exil in Indien. Kurz zuvor hatte er Benzin aus Cola-Flaschen getrunken und Benzin über seinen Körper geschüttet. Für seinen Selbstmord feierten sie den jungen Yeshi in der Heimat in Tibet als Märtyrer. Als einen, der ein weltweites Zeichen gegen die Unterdrückung durch China gesetzt hat. Es gab Tassen, T-Shirts und andere Accessoires, die den brennenden Tibeter zeigten. „Pawo“ – das heißt Held. Ein solcher wurde Jamphel Yeshi durch seine Tat. An diesem sonnigen Tag, an dem Yeshis Körper verbrannte, hatte der Exil-Tibeter in Delhi gegen den Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao protestiert.

30 Tage Dreharbeiten

Was der brennende Jamphel Yeshi mit unserem Lokalteil zu tun hat? Eine Menge. Denn zwei Hagener haben sich auf den Weg gemacht, seine Geschichte zu verfilmen. Produzent Dustin Steinkühler und Jung-Regisseur Marvin Litwak haben nach monatelanger Vorbereitung in Indien ihr Werk „Pawo“ gedreht. 30 Tage lang dauerten die Dreharbeiten. Unterstützt von rund 200 Tibetern und von Mönchen, die die Filmemacher auf der Straße angesprochen haben. Das Volk wurde zu Schauspielern.

Erster Langspielfilm für Litwak

Im mittleren fünfstelligen Bereich lag das Budget für den Film, den Produzent Steinkühler als sein größtes Projekt bislang beschreibt. Für Regisseur Litwak ist es der erste Langspielfilm. „Ich habe bislang Kurzfilme und Beiträge fürs Fernsehen gedreht.“ Die jungen Männer, die sich aus dem Studium kennen, haben das Projekt im Crowdfunding-Verfahren gestemmt. Die Kapitalgeber sind dabei eine Vielzahl von Personen. „Dazu haben wir uns vor Ort in Indien wirklich noch viel Equipment zusammengeschnorrt“, sagt Steinkühler.

Als Jamphel Yeshi 19 Jahre alt war, unternahm er einen Fluchtversuch. Er wollte über Nepal nach Indien. Doch kurz vor den erlösenden Schritten in den Transitbereich schnappten ihn chinesische Grenzbeamte und steckten ihn ins Gefängnis. Yeshi wollte verschwinden aus diesem Land, in dem es für ihn keine Menschenrechte gab. Und keine Freiheit. Im Knast sorgten seine Folterer dafür, dass er diese traurige Wahrheit jeden Tag am eigenen Körper zu spüren bekam.

Folterer brechen Yeshis Willen

Tagelang wird er wie Vieh in einem dunklen Raum gehalten. Geschlagen. Beleidigt. Man schiebt ihm Stecknadeln unter die Fingernägel. Man bricht seinen Willen. Nach der zigsten Verlegung landet er in der Nähe seines Heimatdorfes, wo seine Mutter ihn frei kauft. Danach ist Yeshi nicht mehr Yeshi. Er ist ein Anderer geworden.

2006 versucht er erneut zu fliehen. Diesmal gelingt es. Über den gefährlichen Himalaya schafft er es nach Dharamsala, ein Pilgerort für Westler mit filziger Kleidung und auf der Suche nach sich selbst. In der Tibetean Transit School beginnt er zu lernen. Er wird politischer. So politisch, dass er 2008 zum ersten Mal plant, sich anzuzünden und ein Statement zu setzen. Vier Jahre später wird er es tun.

Der Akt der Selbstverbrennung als Form des Protestes sorgt seit den 1960er-Jahren für internationale Aufmerksamkeit. Mit ihrem Film „Pawo“ geben Steinkühler und Litwak dem Thema einen mehr als eineinhalbstündigen Raum. Der Trailer dazu – zu sehen unter www.pawomovie.com – macht Hunger auf mehr.

Vielleicht wird das Werk kein zweites „Sieben Jahre in Tibet“. „Wir freuen uns, wenn der Film einfach erstmal gezeigt wird“, geben sich die Macher bescheiden. Damit so etwas gelingen kann, müsse ein Film auf Festivals punkten. Deshalb wird bis März fieberhaft am Schnitt gearbeitet, um eine erste Version nach Cannes schicken zu können. Bei den dortigen Filmfestspielen wird die Jury den Litwak-Film prüfen.

Schwer, keine Fehler zu machen

„Es steckt so viel Arbeit in diesem Werk. Es ist schwierig, beim Zusammensetzen des ganzen Filmes keine Fehler zu machen. Wir sind schon vor zwei Jahren zur Recherche nach Indien gereist. Es wäre schön, wenn der Film Beachtung finden würde“, sagt Litwak. Man wünscht den beiden Hagenern, dass ihr Mut und ihre Leidenschaft belohnt werden. Für sie selbst und für ein über alle Maßen wichtiges Thema. Für Tibet.