Warum die fetten Jahre im Hagener Nachtleben vorbei sind

Eine Szene aus dem Ratskeller Mitte der 80er-Jahre. In die Lokalmitte war ein Baum gepflanzt. Der Ratskeller war einst das umsatzstärkste Gastronomie-Objekt Deutschlands.
Eine Szene aus dem Ratskeller Mitte der 80er-Jahre. In die Lokalmitte war ein Baum gepflanzt. Der Ratskeller war einst das umsatzstärkste Gastronomie-Objekt Deutschlands.
Foto: Privat
Kneipen und Bars haben heute weitaus weniger Zulauf als in den 80er-und 90er-Jahren in Hagen. Das hat mit der Preisentwicklung und dem geänderten Freizeitverhalten zu tun, sagen drei Wirte, die es wissen müssen.

Hagen.. Es waren fette Jahre. Damals, Anfang der 80er, als das Hagener Nachtleben so stark brummte, dass die Eröffnung einer vernünftigen Kneipe somit zu den sichersten Dingen gehörte, die man mit seinem Geld anfangen konnte. Als der Ratskeller, gemessen an seiner Größe, das umsatzstärkste Gastronomie-Objekt in ganz Deutschland war und damit noch vor dem Hofbräuhaus in München lag. Und als der Geräuschpegel rund um den alten Mataré-Brunnen so groß war wie heute vielleicht nur, wenn Deutschland Weltmeister wird. Wo sind sie hin, die fetten Jahre? Wo steht das Hagener Nachtleben heute? Drei, die es wissen müssen, haben mit uns darüber gesprochen. Die Gastronomen Christian Isenbeck, Klaus Fritze und Thomas Bielefeld.

Ob einem das jetzt gefiel oder nicht, sei mal dahin gestellt. Aber mit einem Hintern im Gesicht musste man schon rechnen, wenn man zu Beginn der 1980er-Jahre an einem Freitag- oder Samstagabend einen Sitzplatz im Ratskeller ergattert hatte. Die Hütte war brechend voll. „Von jung bis 80“, gibt der einstige Mitbetreiber und heutige Elbershallen-Manager Christian Isenbeck als Antwort auf die Frage, welche Altersklassen so vorbeikamen. „Das war doch das Erfolgsgeheimnis: die gute Mischung. Das war ein richtig buntes Sehen-und-gesehen-Werden.“

Eine meterlange Theke, ein in die Lokalmitte gepflanzter Baum – das waren neben dem urigen Kellergewölbe schon die Ausstattungshighlights. Der Laden brummte, das Bier floss in Strömen, die Kasse klingelte. Hier trank man, erzählte man, hier liebte und lebte man.

Die Vielfalt ist kleiner geworden

Christian Isenbeck rührt durch den Milchschaum seines Cappuccinos während er sich erinnert. Einst gut gehende Kneipen sind mit seinem Namen verbunden. Das „Auberge“ in Wehringhausen. Die Gaststätte „Simpel“ im gleichen Quartier. Das „Chez nous“ am Remberg. Kneipen, die Kult waren und somit eine sichere Bank für einen netten Abend unter Leuten. Woran das liegt, dass die Vielfalt heute nicht mehr so groß ist wie vor 20 oder 30 Jahren? Isenbeck hat da ähnliche Vermutungen wie seine Kollegen Klaus Fritze und Thomas Bielefeld.

Letzterer spricht über den Anfang der 80er-Jahre so wie über das Epizentrum eines Erdbebens. „Spinne, „Max“ und Ratskeller“, sagt Thomas Bielefeld, der heute Inhaber des Restaurants „Novy’s“ und des Catacombe-Clubs am Museum ist, „das war wie ein Bermuda-Dreieck.“ Um 20 Uhr am Wochenende wären die Läden schon so gerappelt voll gewesen, dass es nur schwer rein und noch schwieriger raus ging.

„In der Hochphase des Hagener Nachtlebens habe ich in der verhältnismäßig kleinen „Rose von Westfalen“ 400 Hektoliter Bier im Jahr ausgeschenkt.“ Rambazamba überall in der City. Und selbst in den Außenbereichen der Innenstadt, wie im Bahnhofsviertel, hatten Tanzwütige nachts noch so etwas wie eine Auswahl. „Madison“, „Ping’s Place“, „Las Vegas“. 45 Minuten auf ein Taxi warten? Völlig normal. Schon donnerstags auf die Rolle gehen? Wieso nicht? Es war ja was los.

Schwerpunkt liegt heute im Bereich Essen

Klaus Fritze ist auch ein alter Hase hinter den Tresen dieser Stadt. Anfang der 80er fing er in der „Spinne“ an, machte später das „Alt-Nürnberg“ und das „Max“. Alles einstige Top-Kneipen in Hagen. Mit dem „Keeper“ an der Hochstraße war Fritze Ende der 90er-Jahre der absolute Vorreiter in Sachen Sportsbars nach amerikanischem Vorbild. An den Wochenenden feierte die Jugend sich hier die Hörner ab und brachte das Taschengeld oder die ersten eigenen verdienten Taler mit.

Die Spinne, die Fritze heute wieder betreibt, war in den 80er- und 90er-Jahren an den Wochenenden ebenfalls ein enger Partykessel, in dem die Hagener dicht an dicht die Woche ausklingen ließen. Eine Adresse, an der immer etwas ging.

Fritze führt die Spinne heute wieder. Natürlich ist hier noch was los, doch der Schwerpunkt liegt heute im Bereich Essen. Die Zeiten haben sich auch hier geändert.

Bestandsaufnahme: 2015 ist das Hagener Nachtleben kein Rohrkrepierer. Ein Eldorado brummender Kneipen und Tanzlokale ist es aber auch nicht. Der Party- und Kneipenboom ist vergangen. Verglichen mit der Zeit, aus der Isenbeck, Fritze und Bielefeld berichten, ist in Hagen heute wenig los. Viele junge Menschen fahren nach Dortmund, nach Bochum oder noch weiter weg. Dass eine Kneipe freitags oder samstags – abseits von Themenabenden oder speziellen Anlässen – mal aus allen Nähten platzt, ist doch eher Seltenheit denn Partyalltag in Hagen.

Galea-Club besteht mit Motto-Partys

Mit dem Funpark auf dem Elbershallen-Areal gibt es eine Großraumdiskothek für das junge Volk. Wie sich das Geschäft dort in den vergangenen zehn Jahren entwickelt hat, darüber erfährt man nichts. Auf Anfragen gibt es keine Reaktion.

Am Graf-von-Galen-Ring besteht zum Beispiel der Galea-Club – ehemals „Alpenrausch“, ehemals „Alibi“ – mit Motto-Partys am Hagener Partymarkt. Griechische, serbische, portugiesische, polnische Nächte. „Außerdem arbeiten wir mit 40 Hagener Schulen zusammen“, sagt Geschäftsführer Sotirios Dimitriadis und verweist damit auf zahlreiche Abi-Feten im Galea. Wenn man nur auf Gäste warten würde, statt Ideen zu kreieren, würde nichts mehr passieren. Man muss sich Nischen schaffen, Themen setzen und auch mal auf Lücke spielen, damit was läuft. So ist das heute.

Drei Probleme spielen ineinander

Im Garderobenbereich des Funparks ist jüngst ein abgetrennter Raucherbereich entstanden. Die Baumaßnahme deutet auf einen Teil des Problems hin, vor dem Kneipen und Bars seit vergangenem Jahr stehen. Aber nur auf einen Teil.

Das Geld mag ein weiterer sein. Wobei Gastronom Bielefeld vorrechnet, dass aus 2,50 D-Mark für ein Bier vielerorts tatsächlich 2,50 Euro geworden sind und diese Preissteigerung im Zeitraum von rund 30 Jahren zustande gekommen sei.

Preise haben sich verdoppelt

Recht hat er. Das nimmt dem Kneipenbesucher trotzdem nicht das subjektive Empfinden, dass das Bier heute doppelt so teuer ist wie in den prallen Nightlife-Zeiten, er aber nicht doppelt so viel verdient wie damals. Dazu kommt sicher auch, dass die Preisdiskrepanz zwischen der Kiste Bier, die der Hagener sich im Getränkemarkt kauft und dem Fassbier, das in der Kneipe angeboten wird, im Laufe der Jahre immer größer geworden ist. Da trinkt man sich doch lieber privat mal einen. „Da gehen dir als Wirt die Argumente aus“, sagt Thomas Bielefeld dazu.

Entscheidender aber noch als das Rauchverbot oder die Preissteigerung ist für Isenbeck, Fritze und Bielefeld die Tatsache, dass die Kneipe nicht mehr der Ort ist, an dem man sein muss, um mitzubekommen, was in Hagen so los ist. „Wenn du früher die neuesten Infos brauchtest oder Tratsch hören wolltest, musstest du abends rausgehen“, sagt Christian Isenbeck.

Drücken wir es mal komprimiert und extrem überspitzt aus: Die Kneipe ist heute das Smartphone, der Tresentratsch findet auf Facebook statt und Kennenlernen, Verlieben oder Flirten findet heute viel auf digitalen Kanälen statt. Schlauer Mann und schlaue Frau treffen sich bei Elitepartner, die anderen parshippen jetzt. Chattet eigentlich jemand noch ganz altmodisch? Heute läuft vieles auf „Kanälen“ und nicht von Angesicht zu Angesicht.

Freizeitkultur entscheidend verändert

„Das hat die Freizeitkultur verändert“, sagt Klaus Fritze, „entscheidend verändert.“ Am Preis, glaubt Christian Isenbeck, kann es nicht liegen. „Jugendliche geben in anderen Städten das gleiche Geld oder mehr aus. Außerdem: Verlagerungen in Nebenstädte hat es zu allen Zeiten gegeben.“ Dass auf dem von ihm verwalteten Elbersgelände eigentlich gut was los ist, liege übrigens nicht daran, dass Elbers eine Insel der Glückseligen in dieser vom Kneipensterben bedrohten Gastro-Welt sei, sondern dass der Mix stimme. Jung und Alt gehen hier weg. Die einen zum Bowling, die anderen in den Funpark, die Nächsten ganz gediegen ins Restaurant. Klingt ein bisschen nach der Ratskeller-Idee.

Quo vadis, Hagener Nachtleben? Ist Hagen irgendwann nur noch der Party-Parkplatz von Dortmund? Werden die großen Ketten wie das Extrablatt oder das Celona, beide am Ebert-Platz, am Ende das sein, was den im Vergleich zu den 80er- oder 90er-Jahren weniger ausgeprägten Feier-Nerv der Volmestädter noch trifft?

Der Freitagabend soll in Hagen wieder gestärkt werden

Thomas Bielefeld tut dagegen das, was Wirte schon immer getan haben: Sie entwickeln Ideen. Ab diesem Monat wird im Catacombe-Club am Museum freitagsabends öfter Live-Musik zu hören sein. Die Gerüchte, dass der Club nur noch an einem Wochenendabend in der Woche geöffnet hätte, seien übrigens völlig falsch. Der Freitag müsse in Hagen wieder mehr gestärkt werden. „Der war früher ein richtig guter Tag. Da hätte man eine Ü30-Party in Hagen niemals samstags stattfinden lassen.“

Einige Meter weiter, in der Mittelstraße, ist das „Crocodile“. „Bei uns sind eigentlich beide Abende gleich stark“, sagt Inhaber Magnus Peters. Tatsächlich erfreut sich die Bar konstanter Beliebtheit. Vermutlich, weil der mehrfach zitierte Mix aus jüngerem und älterem Publikum stimmt. Das klingt auch ein bisschen wie das Erfolgsrezept der 80er- und 90er-Jahre. Manchmal muss man das Rad wohl nicht neu erfinden.

Junge Wirte mit jungen Ideen gefragt

„Uns fehlen junge Wirte in Hagen mit frischen Ideen“, sagt Klaus Fritze. Der 53-Jährige will den angrenzenden Tubakeller wieder aufmachen und hier öfter mal auf Live-Musik setzen. Dass Aktionen wie das Hagener Kneipenfestival trotz aller Tendenzen immer wieder für volle Läden sorgen, stimmt ihn zuversichtlich. Dass die Zeit, in der man wie selbstverständlich nach der Arbeit oder dem Training noch ein Bierchen trinken gegangen ist, mal zurückkommen wird, glaubt aber auch er nicht.

Die gute Nachricht ist: Noch immer gibt es in dieser Stadt Kneipen und Bars, in denen die Wirte kreative Potenziale ausschöpfen und so dafür sorgen, dass man abends gut weggehen kann in Hagen. Wenn auch nicht wie in den prallen Jahren.