Von der Schwelle des Todes zurück ins Leben
22.08.2011 | 12:00 Uhr 2011-08-22T12:00:00+0200
Hagen/Herdecke.Sein Leben lang ist er auf der Überholspur gefahren. War als Zahnarzt und Kieferorthopäde tätig und führte nebenbei die Geschäfte von zwei Unternehmen. War immer auf Achse, stand stets unter Dampf. „Ich habe geglaubt, ich sei unkaputtbar“, berichtet Dr. Bernd Krahl (63).
Der linke Arm hängt schlaff herab, sein Schritt ist schlurfend, er wird nie wieder Kontrabass, Banjo oder Posaune spielen können, das wäre vielleicht zu viel verlangt in seinem zweiten Leben. Er wird auch nicht mehr als Zahnarzt praktizieren können, aber was bedeutet das schon gegen die Tatsache, dass er wieder, wenn er den Oberkörper nach vorn wirft und sich am Tisch festhält, allein aufstehen und laufen kann?
Allein vom Stuhl aufzustehen, das ist beachtlich für einen, den zwei Schlaganfälle aus der Überholspur gerissen haben, dessen Überlebenschance die Ärzte bei zehn Prozent ansiedelten und den sie dann, als er wider Erwarten überlebte, zum Schwerstpflegefall erklärten. Er hat es, wenn man so will, allen gezeigt, er kann allein aufstehen, gehen, essen und sieht sich noch nicht am Ende seines Weges: „Mein linker Arm – langsam wird er spürbar funktionstüchtig.“
Dass sich vier Jahre nach einem Schlaganfall, nach zwei schweren Schlaganfällen, noch eine physiologische Verbesserung einstellt, kann man getrost als Wunder bezeichnen. Oft fallen die Patienten spätestens nach der Reha in ein Nichts, die Nachsorge wird nachlässig oder gar nicht betrieben. Zwar können Schlaganfallopfer in Deutschland mit einer beispielhaften intensivmedizinisch Erstversorgung rechnen, doch nach der Entlassung aus der Rehaklinik klingt die Therapie sozusagen im luftleeren Raum aus. Auch Dr. Bernd Krahl wäre es so ergangen. Aber er besaß Kampfgeist, Disziplin und die Unterstützung seiner Familie. „Und das alles braucht man, um sich eine langfristige Behandlung leisten zu können“, sagt er.
Warnzeichen ignoriert
Dass er dem Tod vor vier Jahren so gerade eben von der Schippe gesprungen ist – war das nicht ein Fingerzeig des Schicksals, etwas zu tun gegen die Lethargie in der Behandlung von Schlaganfallpatienten? Wenn, dann war es eher ein Faustschlag denn ein Fingerzeig. Krahl, der Mann auf der Überholspur, ignorierte die Sehstörungen während eines Aufenthaltes in Prag, er ignorierte das Unwohlsein während einer Oldtimertour in der Pfalz und die Lähmungserscheinungen am Wochenende danach: „War ja alles relativ schnell wieder weg.“
Was folgte, war der Faustschlag, seine Tochter fand ihn eines Morgens reglos auf dem Fußboden vor seinem Bett. Sein Mundwinkel hing, er lallte, ihr war sofort klar, dass er einen Schlaganfall erlitten hatte. Er wurde in die Stroke Unit am Boeler Johannes-Hospital eingewiesen, später ins Knappschaftskrankenhaus Bochum verlegt, notoperiert. „Die Schwellung im Gehirn war so groß, dass die Ärzte die Schädeldecke entfernen mussten“, erinnert sich seine Lebensgefährtin Marion Schrimpf (55).
Schon fast aufgegeben
Er wachte auf, wurde extubiert, verlor Stunden später erneut das Bewusstsein. Ein Frontalinfarkt folgte, die Karotis, die große Halsschlagader, war verschlossen, die rechte Hirnhälfte nicht mehr durchblutet. Wieder wuchs die Gehirnmasse zu einem grotesken Schwamm, darin die Ohrmuschel wie ein Blumenkohl; Krahl überlebte nur, weil der Schädelknochen bereits entfernt war. Elf Tage lang lag er im Koma, abgeschrieben von den Ärzten, es gibt Fotos, wie er daliegt mit geschorenem Kopf und Schläuchen und Kanülen, Fotos, die Bände sprechen: „Ich habe sie gemacht, weil ich glaubte, es seien die letzten Fotos von seinem Leben“, so Marion Schrimpf. „Nach Ansicht der behandelnden Ärzte sollten wir uns damit vertraut machen, dass er diesen zweiten Schlag nicht überleben werde.“
Heute sind die Fotos von Bedeutung, weil sie zeigen, dass Krahl, der heute wieder aufstehen und laufen kann und dessen Geist und Denkvermögen so frisch und hochfrequent funktionieren wie je, an der Schwelle des Todes stand. Dass er es geschafft hat, aus dem Niemandsland zurückzukehren. Nach der viermonatigen Reha nicht, da lautete seine Prognose: Vollpflegefall. Zu Weihnachten 2007 war das, er galt gerade einmal als „sitzfähig im Pflegerollstuhl, vornehmlich bettlägerig“, nun könne man nichts weiter für ihn tun, hieß es in der Klinik.
Die Wahrheit war, dass er, hilflos und nahezu bewegungsunfähig, nichts tun konnte, dass er auf seine Töchter und seine Lebensgefährtin angewiesen war, auf Gedeih und Verderb. Sie gaben ihn nicht auf, machten ihm Mut und schonten ihn nicht, sie organisierten Postrehamaßnahmen in ganz Deutschland, robotikgestützte Laufbandtherapie, computeranimiertes Armtraining, Physiotherapie, Spiegeltherapie, Ergotherapie, Elektrostimulation, Logopädie. „Der Angehörige ist eine Art Gesundheitsmanager“, sagt Marion Schrimpf. „Er hat alle Fäden in der Hand.“
Therapiezentrum für Schlaganfallpatienten
Und die Angehörigen sollen deshalb auch in die Arbeit im neuen Therapiezentrum für Schlaganfallpatienten eingebunden werden, das Bernd Krahl im September im ehemaligen Signal-Iduna-Haus in Herdecke eröffnen will. Er möchte Menschen mit vergleichbarem Schicksal Hoffnung geben, denn sein Leben hat er zurückgewonnen, und wenn es einen Sinn gehabt haben soll, das Überleben trotz der beiden Schlaganfälle: „Ich will anderen Patienten bei der Rückkehr in ein eigenständiges Leben helfen. Ich will, dass auch andere schaffen, was ich geschafft habe.“
Bernd Krahl, er kann wohl nicht anders, gibt wieder Gas, er muss aufpassen, nicht erneut auf die Überholspur zu geraten. Er hat die Geschäftsführung in seinem Unternehmen für Dentalspezialartikel wieder aufgenommen, er ist dabei, das Therapiezentrum zu gründen. Es ist, er weiß das, eine Herkulesaufgabe. Er arbeitet täglich mit den Therapeuten, Seine grauen Zellen, trotz der Schlaganfälle, arbeiten fabelhaft, sein Erinnerungsvermögen ist geradezu phänomenal. Er rast nicht mehr, er fährt langsam. Er setzt sich kleine Ziele. Er deutet auf seinen linken Arm, der so schlaff und teilnahmslos wirkt. Was er noch erreichen will im Leben? „Ich möchte mich zwischen meine Töchter stellen, sie gleichzeitig in den Arm nehmen und mit ihnen spazieren gehen.“
19:44
Viel Glück und beste Genesung!
17:45
Da kann man nur zu soviel Lebensmut gratulieren. Aber auch der Familie muss man gratulieren und danke sagen. Solche Unterstützungen bedeuteten viele Einschnitte in deren Lebensgewohnheiten. Ich weiß aus eigener Erfahrung was so etwas, gerade am Anfang, bedeutet. Viel Glück und viel Erfolg für die Zukunft.