Von der Angst zu R - Re - Reden
04.06.2008 | 17:12 Uhr 2008-06-04T17:12:00+0200Stottern macht sprachlos. Viele Stotterer ziehen sich aus der Gesellschaft zurück und verzweifeln letztlich an ihrem Alltag. Gedanken, Sorgen und Ängste bleiben somit im Verborgenen.
Eine Gruppe jugendlicher Betroffener geht die Symptomatik dieser Spracherkrankung nun offensiv an. Mit durchschlagendem Erfolg.
Wenn man den elfjährigen Kevin nicht kennt, glaubt man zunächst nicht, dass er bis vor wenigen Wochen keine fließende Unterhaltung zu Stande bringen konnte. Nun spricht Kevin mit ruhiger, fließender Stimme und freut sich über die unerwarteten Fortschritte: „Ich kann mich jetzt endlich richtig unterhalten und habe weniger Angst.”
Diese Angst hat ihm Stotter-Trainer Hans Liebelt genommen. Das auf Atem- und Sprechtechnik, Meditation, Mentaltraining und Stressbewältigung basierende Training von Liebelt, der selbst Stotterer ist, hat Kevin und vielen anderen Betroffenen zu neuem Selbstbewusstsein verholfen. „Die Kinder müssen lernen, mit ihrer Angst offensiv umzugehen. Sie sind ihr eigener Herr und haben alles selbst in der Hand”, so Liebelt.
Zur Mittagszeit schickte Liebelt einige betroffene Jugendliche mitten in die Hagener Innenstadt, um sie im Feldversuch Erfahrungen sammeln zu lassen. Teil seiner Methodik ist der Einsatz einer Spiegelfeder, die von den Kindern parallel zu Ein- und Ausatmung gebogen wird. „Dadurch können die Kinder ihre Wahrnehmung umlenken und sehen sich nicht mehr der Stresssituation ausgesetzt”, erklärt Liebelt. Der achtzehnjährige Marco, bei dem das Stottern plötzlich in der vierten Klasse begann, war dann der erste, der an der Kasse bei McDonald's seinen Mann stehen musste. „Hallo ich bin Marco. Ich bin Stotterer. Nehmen sie sich bitte etwas Zeit für mich”, forderte er den Verkäufer zur Geduld auf.
Bei allen Jugendlichen aus der Trainingsgruppe von Hans Liebelt ist das Stottern aus bestimmten Situationen heraus entstanden. „Als mein Geschwisterkind zur Welt kam und ich auf einmal nicht mehr im Mittelpunkt stand, konnte ich plötzlich nicht mehr richtig reden”, berichtet die zehnjährige Louisa. Das Training in der Hagener City mit Spiegelfedern und einigem Mut brachte die Jugendlichen aber einen guten Schritt nach vorne.
„Es kann bei vielen Stotteren sein, dass das Problem so schnell wieder verschwindet, wie es aufgekommen ist”, sagt Liebelt. „Manche, so wie ich, behalten es aber auch. Und dann müssen wir versuchen, unseren eigenen Weg zu finden.” Die Kinder werden es ihm sicherlich danken. Louisa will demnächst endlich wieder mit ihren Freundinnen telefonieren können.
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