Viele Kinder mit Sprachdefiziten

Katarina Swierszcz ist Fachkraft für Sprachförderung und übt im Kindergarten Boele mit Kindern das Sprechen.
Katarina Swierszcz ist Fachkraft für Sprachförderung und übt im Kindergarten Boele mit Kindern das Sprechen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Die Zahl der Kinder mit Sprachschwierigkeiten ist nach wie vor erschreckend hoch. Beim Delfin-4-Test wiesen im vergangenen Jahr 37,4 Prozent der Vierjährigen eine verzögerte Sprachentwicklung auf.

Hagen.. Die Zahl der Kinder mit Sprachschwierigkeiten ist nach wie vor erschreckend hoch. Beim Delfin-4-Test wiesen im vergangenen Jahr 540 von 1444 vierjährigen Hagener Kindern eine verzögerte Sprachentwicklung auf. Das entspricht einer Quote von 37,4 Prozent. „Es sind keineswegs nur Kinder aus Einwandererfamilien betroffen“, so Uwe Leicht vom Fachbereich: „Spracharmut gibt es auch in deutschen Familien.“

Dabei bedeutet das Ergebnis noch eine leichte Verbesserung, im Jahr 2013 war sogar bei 39,3 Prozent der getesteten Kinder ein Sprachdefizit diagnostiziert worden. Die Gründe liegen nach Meinung von Experten auf der Hand, es sind die mangelhafte Kommunikation innerhalb der Familien und das veränderte Freizeitverhalten. „Früher wurde Mensch ärgere dich nicht gespielt, heute sitzen die Kinder vor ihrem Computerspiel“, bringt es Rosemarie Schäfer, Leiterin der Kindertagesstätte Boele, auf den Punkt.

Beziehungen verkümmern

Die digitale Welt lässt die Beziehungen zwischen Geschwistern, zwischen Eltern und Kindern verkümmern. Bildungsferne Schichten, in denen wenig gespielt und gesprochen wird, gab es schon immer, doch mittlerweile hat die Spracharmut weite Kreise der Gesellschaft erfasst. „Es kommt vor, dass Kindergartenkinder ihren eigenen Tablet-PC besitzen“, so Frau Schäfer.

Der Stadt Hagen ist das Problem bekannt, der Fachbereich Soziales hat inzwischen über 80 Fachkräfte für Sprachförderung ausbilden lassen. Darunter befinden sich Erzieherinnen ebenso wie Sozialpädagogen, Logopäden und andere Therapeuten. Auf spielerische Weise vermitteln sie den Kindern die Kernkompetenzen des Sprechens. So gibt es doch tatsächlich Vierjährige, die nicht wissen, was „hinter“ oder „unter“ bedeuten. „Mit ihnen spielen wir zum Beispiel Schatzsuche“, berichtet Gabriele Graf, stellvertretende Leiterin der Kindertagesstätte Boele. Während sie nach den versteckten Gegenständen stöbern, müssen die Kinder „unter“ einem Hindernis hindurchgehen oder „hinter“ einem Baum nachsehen. „Auf diese Weise verinnerlichen sie die Präpositionen“, so Frau Graf.

Statistische Erfassung entfällt

Es sind einfache Spiele, die möglichst wenig Aufwand erfordern, mit denen die Sprachbildung im Kindergarten-Alltag unterstützt wird. Memory und Puzzle gehören dazu. Sowohl Bundes- als auch Landesregierung haben Sprachförderprogramme eingerichtet, mit deren Geldern die Stadt die Ausbildung der Fachkräfte finanziert. Je jünger die Kinder sind, die gefördert werden, desto eher stellen sich Erfolge ein. Der Delfin-4-Test allerdings wurde inzwischen eingestellt, stattdessen soll die sprachliche Förderung der Kinder noch stärker als selbstverständliche Komponente in die tägliche Kindergartenarbeit integriert werden.

Doch mit dem Test entfällt zugleich die statistische Erfassung der „Problemkinder“. Zukünftig wird man nicht mehr wissen, wie viele Kinder tatsächlich Sprachrückstände aufweisen. Dabei droht deren Zahl angesichts der nach Hagen strömenden Flüchtlingswelle, mit der viele Kinder, die kein Wort Deutsch sprechen, in die Stadt kommen, in Zukunft beträchtlich anzusteigen.