Uhrmachermeister aus Hagen hat keine Zeit für eine Auszeit

Der Hagener Uhrmachermeister Martin Bradenbrink
Der Hagener Uhrmachermeister Martin Bradenbrink
Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Martin Bradenbrink aus Hagen ist einer der wenigen Uhrmachermeister in Südwestfalen. Ein Gespräch über Wahrnehmung und Illusion.

Hagen.. Zeit ist schon eine komische Sache: Sie erleichtert das Leben - und sie kann es kompliziert machen. Dabei ist sie laut moderner Physik nur eine Illusion. Sie existiert nicht. Zeit, sich mit Martin Bradenbrink zu unterhalten, der Stunden, Minuten und Sekunden im Griff hat.

Der Uhrmachermeister, der in der Lange Straße im Hagener Ortsteil Wehringhausen die 1960 begonnene Tradition seines Vaters Hans fortsetzt, hält vom Philosophieren über die Zeit nicht viel. Das stellt er gleich zu Beginn klar. Er setzt sich eher westfälisch nüchtern mit ihr auseinander: „Wenn ich wenig Zeit habe, läuft der Laden“, lautet seine Erfahrung.

Ruhig, seriös, sachlich - so präsentiert sich einer der wenigen Uhrmacher alter Schule, die es in Südwestfalen noch gibt. Der 54-Jährige sitzt manchmal bis spät abends an seinem Uhrmachertisch, mitten in seiner kleinen Meisterwerkstatt, die gefüllt ist mit schönen alten Stand-, Tisch- und Wanduhren. Winzige Zahnräder, Ziffernblätter und Zeiger liegen in Kästchen. Schraubendreher mit Millimeterspitzen warten auf ihren Einsatz.

Feingewebter Tonteppich

Ein feingewebter Tonteppich ­Dutzender tickender Uhren erfüllt den Raum. Hier fühlt man sich in eine andere Zeitepoche katapultiert, in einem aus der Zeit gefallenen Handwerk. Der Mann, der in Hildesheim seinen Meister machte, hört schon lange nicht mehr das meditative Hintergrundrauschen der Werke.

Er hegt weder Spott gegen die übertechnisierte Welt, noch beschäftigen ihn Fragen nach dem Wesen der Zeit. Zuversichtlich könne er nur sagen, dass es keine vergangene Zeit gäbe, wenn nichts vorüberginge, keine zukünftige, wenn nichts da wäre. Er habe nichts anderes im Sinn, als Uhren wieder zum Laufen zu bringen.

Zeitumstellung Während sich viele für 2015 nach einer Auszeit sehnen, hat Bradenbrink, der gemeinsam mit seiner Frau Ulrike (52), einer Goldschmiedin, das Uhren- und Schmuckgeschäft betreibt, zu wenig Zeit. „Vor allem für meine Uhren.“ Am meisten Freude bereiten ihm alte Zeitmesser, allen voran 100-jährige Taschenuhren. „Hochkomplexe Werke, die die Zeit so wunderschön verrinnen lassen.“

Während Feinmechanikerwerkzeug in Bradenbrinks großer Hand verschwindet, gibt er zu, dass es eine Kunst sei, in einer immer hektischer werdenden Welt mit Zeit gelassen umzugehen.

Seit vor 3000 Jahren die Sumerer die Zeitmessung mit einfachen Schattenstäbchen einführten, habe sich laut Bradenbrink eigentlich nichts geändert: Der Mensch laufe der Zeit hinterher. Heutzutage erst dem Geld, später mit dem Geld der Zeit. Zeit sei nun einmal essenziell, wenn man nicht zurück in die Steinzeit wolle. Dazu müsse man heutzutage Minuten und auch Sekunden ernst nehmen.

Natürlich haben sich die Zeiten für Uhrmacher geändert

Für den 54-Jährigen, der in der Kindheit seinem Vater bei der Arbeit am Uhrmachertisch zuschauen durfte, ist Zeit - neuen Theorien von Physikern zum Trotz - tatsächlich eine fixe Größe. Und auf keinen Fall relativ. Zwar besitzt Bradenbrink Bücher, die sich mit der Zeit auseinandersetzen. Aber er habe keine Zeit, sie zu lesen, gesteht er. Was wie ein banaler Allgemeinplatz klingt, ist für den Uhrmacher aus Hagen zentrale Aussage: „Zeit ist kostbar!“ Einsteins geistige Schwerstarbeit setze er nicht infrage, aber er habe eben eine eigene Sicht der Dinge. Und die laute: „Nutze die Zeit!“

Natürlich, so Bradenbrink, haben sich die Zeiten geändert. Er erinnere sich an vergangene, als Jugendliche Uhrzeiten nicht vom Smartphone ablasen. „An gute, alte Zeiten“, wie er erzählt, „in denen zu Anlässen wie Kommunion oder Konfirmation noch hochwertige Armbanduhren verschenkt wurden.“ Viele seiner Stammkunden seien Liebhaber, für die Uhren noch eine Bedeutung haben. Ohne die Stammkunden könnte seine Meisterwerkstatt kaum überleben. Das Geschäft werde heute maßgeblich von den großen Herstellern und dem Internet bestimmt.

Zeitumstellung Der 54-Jährige ist keiner, der vergangenen Zeiten hinterher trauert, aber mit Tipps, wie man im Alltag Zeit spart, könne er nicht dienen. Sich mit so etwas auseinanderzusetzen, dazu hätten Uhrmacher heutzutage definitiv keine Zeit.

Ob Zeit tatsächlich nur eine Illusion ist? Martin Bradenbrink zuckt mit der Schulter und klemmt die Lupe vor das Auge. Er senkt den Kopf bis auf wenige Zentimeter an den offenen Rücken einer Armbanduhr und blickt auf kleine und große Räder, die nicht mehr ineinandergreifen. Auch diesen Patienten wird der Uhrmachermeister aus Hagen in seinem Refugium wieder gesund machen. „Damit“, wie er sagt, „der Busfahrer pünktlich zur Arbeit erscheint und sich die Welt weiterdreht.“