Trotz Überversorgung droht Hausarztschwund

Prof. Dr. Thomas Quellmann
Prof. Dr. Thomas Quellmann
Foto: WP

Hohenlimburg..  Wer regelmäßig beim Hausarzt vorbeischaut, ist an volle Praxen und häufig lange Wartezeiten gewöhnt. Sowohl der Fraktionsvorsitzende der CDU Ortsunion Hohenlimburg, Peter Leisten, als auch Prof. Dr. Thomas Quellmann wissen, dass es in den kommenden Jahren zu erheblichen Defiziten in der hausärztlichen Versorgung kommen könnte. Grund dafür ist vor allem die Altersstruktur der niedergelassenen Ärzte.

Glaubt man den Zahlen der kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), so ist die Situation in Hohenlimburg, vorsichtig formuliert, geradezu rosig.

„Wenn man von der Maßzahl, ein Hausarzt für 1 671 Einwohner, ausgeht, die von der KVWL vorausgesetzt wird, so ergibt sich für Hagen ein Versorgungsgrad von 130,2 Prozent und für Hohenlimburg umgerechnet sogar 137 Prozent“, erklärt Peter Leisten.

Die Statistik der KVWL erfasst 20 Hausärzte unterm Schloss. Das bedeutet, dass bei insgesamt 29 765 Seelen im Städtchen 1 488 Einwohner auf einen Arzt kommen würden. Soweit so gut.

Dass dieser Zustand sich dramatisch ändern könnte, zeigt ein Blick auf die Altersstrukturen der hiesigen Hausärzte.

Hohenlimburger Hausärzte überaltert

„Aus der Juni-Statistik der KVWL geht hervor, dass 50 Prozent der Hohenlimburg Hausärzte älter als 50 Jahre, 20 Prozent gar älter als 65 Jahre ist. Nur jeder Vierte ist jünger als 45, unter 40, aber über 35 ist noch jeder fünfte“, so Leisten.

Im Kern bedeutet dies, dass in rund zehn Jahren ein überwiegender Teil der Hausärzte in den wohlverdienten Ruhestand gehen werden. Jetzt könnte man annehmen, dass die Praxen übernommen werden.

Mit Bezug auf die Aussage eines Sprechers der KVWL betont Leisten, dass derzeit deutlich weniger Hausärzte im System ausgebildet würden als ältere Hausärzte ausscheiden.

Ein Umstand, den Prof. Dr. Thomas Quellmann im Gespräch mit dieser Zeitung bestätigte.

„Die Bundesärztekamme hat ermittelt, dass wir ungefähr 160 neue Allgemeinmediziner im Jahr benötigen. In diesem Jahr haben wir nur 100 Anerkennungen aussprechen können, im Jahr zuvor waren es nur 87“, betonte Quellmann. Im Jahr 2005 waren es noch 279 (!).

Schon der Weggang eines Hausarztes würde nach Ansicht von Quellmann eine massive Überbelastung für die übrigen Praxen bedeuten. Da Hohenlimburg statistisch betrachtet überversorgt ist, darf sich auch ein neuer Hausarzt nicht in der Region niederlassen. Folglich besteht die einzige Möglichkeit darin, dass die bestehenden Praxen übernommen werden. Gelingt dies nicht, wird die Anzahl der Hausärzte unvermeidlich schrumpfen.

„Die Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung ist nicht nur in Hohenlimburg ein Problem, sondern gilt landesweit. Wer auf dem Land wohnt, wird möglicherweise lange Wege auf sich nehmen müssen, um die nächste Praxis zu erreichen“, blickt Quellmann in die Zukunft.

Doch was macht den Beruf als niedergelassener Hausarzt so unattraktiv?

„Das Problem liegt zum Einen in der Ausbildung. Nach dem Studium muss eine etwa fünfjährige Weiterbildung erfolgen, ehe man sich als Hausarzt niederlassen darf, und es kommen sehr lange Arbeitszeiten hinzu, die mitunter eine enorme Belastung für Körper und Seele darstellen können“, gibt Quellmann Einblick, der auch erklärt, dass an Universitäten Fachärzte häufig als „Reiter zu Pferde und der Allgemeinmediziner als Fußvolk“ betrachtet werden.

Mehr Frauen im Medizinstudium

Hinzu kommt, dass immer mehr Frauen das Studium der Medizin aufnehmen (70 Prozent).

„Da der Beruf oft schwer mit der Familie vereinbar ist, gehen viele Frauen erst später in Beruf und Weiterbildung“, so Quellmann.

„Dabei sind die Allgemeinmediziner die tragenden Säulen unseres Gesundheitssystems“, ergänzt Quellmann. Wichtiger sei noch die Politik im Gesundheitssystem.

„Es gibt Budgetgrenzen für Heilmittel, und das Honorarleistungsvolumen darf nicht überschritten werden. Je nach Krankheitsbild ist beispielsweise eine sofortige Versorgung mit Physio- und Schmerztherapie wünschenswert, was jedoch aus Kostengründen oft nicht umgesetzt wird“, verrät Quellmann.

Werden Patienten nicht auf diese Weise versorgt, so können enorme volkswirtschaftliche Schäden durch Arbeitsausfälle die Folge sein.

„Wir müssen überlegen, was wir im präventiven Bereich tun können, damit wir chronische Volkskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes oder durch das Rauchen bedingte Folgeschäden eindämmen können. Dadurch könnten wir langfristige Behandlungen und damit hohe Kosten vermeiden“, glaubt Quellmann.