Theater Hagen zeigt beeindruckende Iszenierung von Meisteroper Don Carlo

Rainer Zaun als Filipp II. und  Kristine Larissa Funkhauser als Prinzessin Eboli in der Hagener „Don Carlo“-Inszenierung.
Rainer Zaun als Filipp II. und Kristine Larissa Funkhauser als Prinzessin Eboli in der Hagener „Don Carlo“-Inszenierung.
Foto: Theater Hagen / Kühle
Was wir bereits wissen
Das Theater Hagen zeigt Verdis Meisteroper „Don Carlo“ mit einem wirklich großartigen Sängerensemble. Für die Regie gibt es vom Publikum Buhs und Bravos gleichermaßen. Und Beifall im Stehen gab es für den Intendanten Norbert Hilchenbach.

Hagen.. Was das Theater Hagen für Stadt und Region bedeutet, zeigt die aktuelle „Don Carlo“-Inszenierung beispielhaft. In einer beeindruckenden Ensemble-Leistung wird Verdis Oper zum Versuchslabor der großen Gefühle. Die Regie ist kontrovers, dafür gab es nach der Premiere Buhs ebenso wie Bravorufe, aber sie hat Fallhöhe. Und Beifall im Stehen gab es für den Intendanten Norbert Hilchenbach, der am Ende der Vorstellung die gefährdete Situation des Hauses ansprach und das Publikum bat, für das Theater einzutreten.

Don Carlo ist ein getretener Wurm mit psychotischen Schüben. Das Rollenprofil, das Regisseur Philipp Kochheim dem Titelhelden verpasst, bringt die ganze Inszenierung in Erklärungsnot. Denn warum sollte sich eine Königin wie Elisabetta in eine derartig kaputte Figur verlieben, warum sollte ein intelligenter Posa sich opfern, damit der zum Regieren sichtlich unfähige Carlo König werden kann? Also bleibt nur die Überlegung, dass Carlo den Dreieckskonflikt mit dem übermächtigen Vater und der begehrten Stiefmutter fantasiert und am Ende Amok läuft – darauf würde das Eingangsbild mit seinen Alpträumen und der Beerdigung hinweisen. Doch keine noch so bemühte Deutung überzeugt wirklich, auch wenn der historische Carlo tatsächlich bucklig und psychotisch war.

Carlo wird verfolgt vom Scheinwerferlicht

Sehr sprechend ist dagegen die Idee, die Geschichte nach der Jahrhundertwende anzusiedeln, in den Sepiatönen der frühen Fotografie und mit allgegenwärtigen Plattenkameras, die zeigen, dass es sich um ein Familiendrama handelt, dessen Protagonisten sehr öffentliche Leute sind. Es gibt zahllose Bilder von ihnen, doch ein echtes Selbstbild findet höchstens der Marquis von Posa. Kochheim und Ausstatterin Uta Fink lassen die Handlung auf der nackten Bühne spielen; das Licht steht im Vordergrund. Carlo wird von zahllosen Scheinwerfern regelrecht verfolgt, die Beleuchtungsbrücke hängt im letzten Bild wie ein böser Alpdruck tief auf der Szene, die wie eine Rumpelkammer alle Requisiten der vorangegangenen Akte versammelt.

In einer solchen Interpretation gewinnt natürlich der Filippo die tragische Faszination, die dem Titelhelden abgezogen wird. Rainer Zaun, der Bayreuth-Solist, ist nicht nur ein höchst präsenter Sängerdarsteller, er kann mit seinem wunderbaren Bassbariton viele emotionale Zwischentöne zeichnen. Als König ist er ein gefühlskalter Kontrollfanatiker, privat ein gebrochener Mann, dem das Glück durch die Finger rinnt.

Einen Tenor im italienischen Fach kann Hagen sich nicht mehr leisten

Der amerikanische Bariton Raymond Ayers hat als blutjunger Sänger in kleinen Rollen in Hagen seine Chance erhalten; inzwischen ist er ein Don Giovanni und hier der Marquis von Posa, der seine Todesklage mit innigen lyrischen Akzenten gestaltet. Kristine Larissa Funkhauser ist eine sexy-intrigante Eboli, deren Mezzo eigentlich zu klein ist für diese Partie, aber gut geführt.

Einen Tenor im italienischen Fach kann Hagen sich nicht mehr leisten; Gast Xavier Moreno schafft es bewundernswert, diese Heldenrolle so konsequent versehrt zu geben, wie die Regie es vorschreibt. Sein Tenor hat Volumen, Glanz und ist fähig, große Akzente zu setzen. Tamara Haskin singt als Gast die einsame, fromme Elisabetta mit bezauberndem Sopran, der in allen Registern hervorragend ausbalanciert ist, mädchenhaft rein in den Spitzentönen und fraulich weich in der mittleren Lage.

Der Opernchor hat packende Auftritte, ist aber gefordert, wenn es rhythmisch kompliziert wird. Folkwang-Studenten sind die Deputierten aus Flandern: ein schönes Beispiel für die traditionelle Kooperation des Hagener Theaters mit den NRW-Musikhochschulen, die schon vielen Nachwuchssolisten ein Sprungbrett geboten hat.

Verdi hat mit seiner Literaturoper nach Schillers Tragödie ein musikalisches Nachtstück geschaffen, das von einer ungewöhnlich dichten klanglichen Hell-Dunkel-Dramaturgie lebt. Die setzt GMD Florian Ludwig mit den Hagener Philharmonikern geschickt zu regelrechten Gänsehauteffekten um. Um das zu erreichen, verzichtet Ludwig auf Weichzeichner, stattdessen lässt er Verdi so richtig lustvoll und klangschön krachen.