Kirche
Stress für Hagener Pfarrer nach Predigt gegen Westerwelle
10.03.2010 | 12:18 Uhr 2010-03-10T12:18:00+0100
Hagen. Dass ein Pfarrer von der Kanzel herab Stellung zu aktuellen politischen Themen nimmt, ist ungewöhnlich. Gert Schneider, katholischer Geistlicher in Hagen, hat es getan. Seine Kritik galt FDP-Chef Guido Westerwelle. Jetzt beschwerten sich die Kirchenbesucher beim Paderborner Erzbischof.
Gert Schneider, mittlerweile 72 Jahre alter Pfarrer der katholischen Liebfrauen-Gemeinde Vorhalle, ist dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Jetzt hat er während der Sonntagsmesse mit Kritik an FDP-Chef Guido Westerwelle für Furore gesorgt.
Zum Abschluss des Gottesdienstes sagte Pfarrer Schneider, Westerwelles Beitrag zur Hartz-IV-Debatte sei perfide: „Er haut die Sozialhilfeempfänger in die Pfanne, ohne sachliche Argumente zu nennen.” Das Problem sei nicht die fehlende Leistungsbereitschaft der Hartz-IV-Empfänger, sondern dass einige Unternehmen Gehälter am Rande des Hungerlohns zahlten. Namentlich nannte der Pfarrer die Firma Schlecker mit einem Stundenlohn von 3,50 Euro. Westerwelle, der als Außenminister und Bundestagsabgeordneter genug verdiene, solle sich erst einmal an die eigene Nase fassen, bevor er über die Armen der Gesellschaft herfalle, sagte Schneider von der Kanzel aus.
Nicht nur Zustimmung
Bei den Gläubigen erntete der Geistliche nicht nur Zustimmung. Eine Gottesdienstbesucherin verließ noch während der Rede Schneiders die Kirche und schlug die Tür derart heftig zu, dass der Putz von der Wand bröckelte und der Pfarrer am nächsten Tag die Handwerker kommen lassen musste. Andere Kirchenbesucher beschwerten sich beim Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker über die ihrer Meinung nach „wüsten politischen Anschuldigungen” des Pfarrers.
Im Gespräch mit unserer Zeitung erläuterte Schneider, dass es ihm keineswegs um eine parteipolitische Auseinandersetzung gehe. Er stehe jeder Partei kritisch-distanziert gegenüber, und es gebe auch in der FDP durchaus vernünftige Politiker: „Aber was in Teilen der Wirtschaft geschieht, ist ein Skandal. Profit ist wichtiger als Arbeitskräfte. Das muss man beim Namen nennen.” Viele Unternehmen strotzten vor Gewinnen, auf der anderen Seite seien immer mehr Menschen auf öffentliche Unterstützung angewiesen: „Unser Sozialstaat muss umgebaut werden, und zwar im Sinne von Gerechtigkeit. Gebt den Menschen endlich Arbeit!”
Diskriminiert
Er kenne persönlich sehr viele Hartz-IV-Empfänger, die sich bei der von beiden Kirchen betriebenen Vorhaller Palette mit Lebensmitteln eindeckten: „Das sind keine Menschen, die den ganzen Tag faul auf dem Sofa liegen. Manche bewerben sich bis zu 50 Mal und kriegen keine Stelle. Auch Akademiker sind darunter.” Guido Westerwelle habe diese Menschen mit seinem Gerede von „spätrömischer Dekadenz” diskriminiert.
Die Mehrzahl seiner Kollegen in Hagen sei der gleichen Meinung wie er, so Pfarrer Schneider. Es gebe zwar noch einige Geistliche, die die Dinge anders sähen, aber: „Die Zeiten, in denen die katholische Kirche die konservativen Parteien rückhaltlos unterstützt hat, sind vorbei. Wir können nicht immer nur heilig, heilig, heilig rufen.”
06:57
167 Kommentare, das Verpflichtet nicht. Sie haben als Pfarrer, weder den Sündenbock zu spielen, noch den Vorreiter in Sachen Politik. Als Einzelmensch machen sie sich alleine Verantwortlich in der Meinung anderer. Ihre Aufgabe hat Jesus Christus vorgegeben, nicht diese Menschen. Was gesagt ist, ist gesagt. Hier ist es auch schriftlich gesagt. Nur, wem bringt es etwas? Sind sie nicht für sich selbst verantwortlich? - So geht es auch jedem Kommentarschreiber. Ich denke, das reicht ... .
15:36
...Und wenn die schlechten Kommentatoren noch nicht gestroben sind, dann jammern sie noch heute über eine der interlektuellsten, menschlichsten und besten Persönlichkeiten die es in Vorhalle gibt...
Viele Kommentare sind einfach nur überflüssig und absolut unnötig und ich frage mich wo den Menschen, die solche Dinge (teilweise paradox und in sich unschlüssig) von sich geben, ihren gesunden Menschenverstand gelassen haben.
Ich hätte selbst nicht gedacht, dass mich dies so mitreißt, jedoch scheint es mir als müsse hier einmal aufgeräumt werden!
Außenstehende, die überhaupt keinen Bezug zur Liebfrauengemeinde in Vorhalle haben, aber auch Involvierte, die scheinbar ebenso wenig von dem Wirken der Gemeindemitglieder (inklusive Pfarrer Schneider) wissen und sich (auch über nicht themenbezogene Aspekte) beschweren, es gäbe weder eine Jugendarbeit noch eine gute Messdienerarbeit (zumal solche Problematiken auch auf fast alle anderen Gemeinden zutreffen), denen kann ich nur sagen: STOPP! --> Die Liebfrauengemeinde ist seit einiger Zeit wieder jünger geworden und auf dem besten Weg, eine noch attraktivere Gemeinde zu werden als sie es für viele jetzt schon ist. Unter attraktiv kann vieles verstanden werden, jedoch bin ich der Meinung, dass jeder, der ernsthaft daran interessiert ist, sich ein eigenes Bild davon machen sollte, inwiefern sich die Gemeinde gemeinsam mit Herrn Schneider entwickelt.
Eine Anmerkung sei aber noch gegeben: Sie werden verblüfft / erstaunt sein wie progressiv gearbeitet wird und das mit einem dementen Pfarrer, alle Achtung!!!
Doch wozu soll man sich hier rechtfertigen?
Ich lasse diese Frage bewusst so stehen, im Prinzip handelt es sich hierbei um eine rhetorische Frage.
Beim Lesen der meisten Kommentare fällt auf, dass einige Personen (ohne den Verfassern dieser Kommentare zu nahe treten zu wollen) sich als nachtragend erweisen und ihren unerklärlichen Frust aus der Vergangenheit nicht anders zu verarbeiten wissen.
Es bedarf zudem auch keiner besonderen analytischen Fähigkeit, um zu sehen, dass sich viele Aussagen schlicht gegen die Persönlichkeit und das Verhalten Pfarrer Schneiders richten und nicht gegen seine Worte - er wird angeklagt für seinen Mut - aber wo bleibt Ihr Mut konkrete, themenorientierte und aussagekräftige Gegenargumente zu offenbaren?
Was für eine Schande für die Menschheit, die vor lauter Medienmassenkonsum erblindet und die Wahrheit, die von einem hoch gebildeten Mann ausgesprochen wird, als bedrohlich empfindet.
DAS ist wirklich ekelerregend!
Als stolzes, sich-geborgen-und-aufgehoben-fühlendes, altes junges Mitglied der Gemeinde (18 Jahre in der Gemeinde & 18 Jahre jung), kann ich nur mit vollstem Respekt und reinster Bewunderung auf Herrn Schneider schauen, von dem ich persönlich und weitere Altersgenossen noch sehr viel lernen können.
Er stellt eine Bereicherung für den Einzelnen, die Gemeinde, den Stadtteil, der Stadt usw. usf. dar.
Wer das nicht sieht, der ist selbst schuld.
...Und wenn die schlechten Kommentatoren noch nicht gestroben sind, dann jammern sie noch heute über eine der interlektuellsten, menschlichsten und besten Persönlichkeiten die es in Vorhalle gibt...
22:39
#52 #56 Ihre Stellungnahmen finde ich ehrenhaft weil sachlich, obwohl Sie als Messmitstifter ja besonders betroffen sind. Dennoch eine Anmerkung: Eine Sonntagsmesse ist normalerweise kein Trauergottesdienst, sondern eher eine Auferstehungfeier, ein frohes Fest also. Eingebunden sind aber oft - wie wohl in Ihrem Fall - so genannte Intentionen/ Gebetsanliegen, bei denen z.B. namentlich einem oder mehrerer Verstorbenen gedacht oder etwa für Heilung eines Kranken gebetet wird.
Ob Pfarrer Dr. Schneider dabei nun über das Ziel hinaus geschossen ist, mag ich konkret nicht beurteilen. Ich schätze ihn als integren Priester, der noch massig was in der Birne hat und jünger ist als manch 30-jähriger, jedenfalls sehr.
20:35
zu # 56, LR42: Danke. Die neutrale Äusserung zur Ex-Bischöfin bot anscheinend ja keinen Grund für eine öffentliche Auseinandersetzung.
Das eigentliche Thema scheint hier nun durch zu sein. Mein Eindruck ist inzwischen der, dass ein Besucher des Gottesdienstes danach zur Presse gegangen ist. Dort scheint er dick aufgetragen zu haben.
19:08
Ich war in demselben Gottesdienst ( übrigens auch ein Trauergottesdienst für meinen vor einem Jahr verstorbenen Grossvater).
Zur Ex-Bischöfin hat er gesagt dass sie seine Unterstützung hat in Ihren entscheidungen und dass er Ihr das auch brieflich kundgetan hat.
Zum Thema Westerwelle in der Predigt möchte ich mich jetzt nicht äussern, sondern eher zur knallenden Tür.
Es war zwar etwas lauter ( ich sass 3 Reihen vor betreffender Tür) als man eine Kirchentür zumachen würde aber so durchschlagend dass der Putz runterkam würd ich jetzt nicht sagen.
17:17
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
14:01
zu # 52: B.feld: W a s hat der Pfarrer denn zur Ex-Bischöfin Kaßmann gesagt?
12:37
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
12:30
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
11:56
In dem geschriebenen Artikel ist die Rede von einer Sonntagsmesse.
Meine Person hat den Gottesdienst in Vorhalle bei einer Messe am Samstag, den 27.02 verlassen. Hierzu würde ich gerne wie folgt Stellung nehmen:
Der Gottesdienst war „eigentlich“ ein Trauergottesdienst in Gedenken an meine Großmutter die vor einem Jahr verstorben ist.
Pfarrer Schneider eröffnete den Gottesdienst und hat seine persönliche Meinung zu den aktuellen Ereignissen im Zusammenhang mit der Bischöfin Käßmann genommen. Dies fand ich Stellungnahme zum Artikel Pfarrer Schneider
schon sehr ungewöhnlich und für einen solchen Gottesdienst eher unpassend.
Am Ende des Gottesdienstes ist Herr Pfarrer Schneider nochmals zu den aktuellen Ereignissen zurückgekehrt: hier war nicht die Rede von den Missbrauchsfällen bei der Katholischen Kirche, sondern nun zu den Aussagen des Herrn Westerwelle und dessen Jahresgehalt.
Ich bin der Meinung, dass solche persönlichen Wertungen nichts in einem Gottesdienst zu tun haben, egal ob es um Herrn Westerwelle oder um sonstige Personen – egal mit welcher Parteizugehörigkeit – geht und habe mich daher spontan entschlossen den Gottesdienst zu verlassen. Dies geschah selbstverständlich ohne eine Tür zu knallen (an dieser Stelle sei die Frage erlaubt, wie eine massive Kirchentür überhaupt so zugeschlagen werden kann?). Oder kam der Putz vielleicht doch wegen der unglaublichen Kälte in der Kirche von der Wand?