Störche braten und Eichhörnchen brutzeln

Hagen..  In blassem Schweineleder eingebunden liegt es da, es sieht für sein Alter erstaunlich frisch aus. Seit 1691 ist es auf der Welt, das „Vollständige Nürnbergische Kochbuch“, es ist eins der ersten seiner Art, das sich an bürgerliche Haushalte wendete. 1710 Rezepte versammeln sich in ihm, getestet vor über 300 Jahren von „der Löbl. Koch-Kunst beflissenen Frauen zu Nürnberg“.

Sehr guter Zustand

Gegessen wurde damals „alles, was so kreuchte und fleuchte“, sagt Sybille Ophoven vom Verein „Prokultur“. Schildkröten- etwa, auch Biber- oder Eichhörnchen- oder Storchen-Rezepte finden sich in dem Buch, warum auch nicht, gegessen wurde nicht nur, was auf den Tisch kam, gegessen wurde auch, was da war. Die Damen von „Prokultur“ kennen das Buch. Sie alle arbeiten ehrenamtlich für das Deutsche Kochbuchmuseum in Dortmund, und bisher hatten sie einen Nachdruck in ihrem Bestand.

Dann kam eine Mail, eine Frau, die Kochbücher gesammelt hatte, war gestorben und ihre Erben fragten nach, ob eventuell Interesse an diesem Buch bestünde. Das Interesse war da, erzählt Dr. Gisela Framke vom Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Per Kurier kam das Schmuckstück, das von außen so unscheinbar wirkt, nach Dortmund. Die Damen sahen es sich an und waren begeistert: Der Zustand sehr gut, die detailreiche Illustrationen zum Aufklappen im Inneren nicht, wie sonst so oft, entfernt und einzeln verkauft. Dazu der günstige Preis von 1200 Euro, würde man dieses Buch in einem Antiquariat erwerben, wäre es höher gelistet – doch auch 1200 Euro muss man aufbringen. Und da das Museum aktuell keinen Investitionsetat hat, schlug hier die Stunde von „Prokultur“.

Die Damen sind seit 15 Jahren ehrenamtliche Helferinnen des Kochbuchmuseums, sie haben die Bibliothek inventarisiert, verschlagwortet, doppelte Kochbücher im Bestand gegen Spenden abgegeben und aus diesen Spendengeldern wiederum konnte jetzt das Kochbuch von 1691 erworben werden.

1710 Rezepte

Auch wenn es das „Vollständige Nürnbergische Kochbuch“ ist, ist es kein Führer in die Welt der fränkischen Spezialitäten: Bücher wurden damals nach ihrem Erscheinungsort benannt.

1710 Rezepte sind darin enthalten, neben Nebenspeisen, Hauptgerichten und Konservierungsrezepten sind dort auch Suppenrezepte aufgeschrieben worden – die Maikäfersuppe indes fehlt. Dafür gibt es drei Rezepte mit einer ganz neuen Zutat: der Kartoffel. Das Buch soll voraussichtlich in der neuen Dauerausstellung des Deutschen Kochbuchmuseums ausgestellt werden, dessen Wiedereinrichtung in der VHS in der vergangenen Woche vom Rat beschlossen wurde.

Eigentlich liegt der Schwerpunkt des Museums eher bei Kochbüchern aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Aber bei so einem Exemplar, quasi einem Prototypen mit Übersicht über saisonale Angebote, Krankenkost oder Fastenspeisen, da machen die Damen sehr gerne eine Ausnahme.