Seit 25 Jahren ins Armenhaus Europas

Zeigen, dass es bis Sibiu sind noch 110 Kilometer von rund 300 000 sind, die Willi Sieberg (lks.) seit 1990 bis ins Armenhaus Europas zurückgelegt hat.
Zeigen, dass es bis Sibiu sind noch 110 Kilometer von rund 300 000 sind, die Willi Sieberg (lks.) seit 1990 bis ins Armenhaus Europas zurückgelegt hat.
Foto: WP

Hohenlimburg..  Es ist ein besonderes Jubiläum. Nämlich ein silbernes. Denn seit 25 Jahren gibt es die Rumänienhilfe; gibt es somit Männer und Frauen, die mit unbeschreibbarer Einsatzbereitschaft und mit persönlichem Engagement Kindern, Frauen und Männern helfen, die mehr als 2000 Kilometer entfernt leben: in Rumänien.

Gründungsvater und unermüdlicher Motor ist seither Willi Sieberg. Wer mit ihm über die zurückliegenden zweieinhalb Jahrzehnte plaudert, bekommt schnell das Gefühl, dass es dem 76-Jährigen beinahe ein bisschen peinlich ist, über diese Zeit zu sprechen. Lieber steht der Elseyer bescheiden im Hintergrund.

Kinderschutzbund Herdecke

Deutschland schrieb das Jahr 1990. Da suchte der Kinderschutzbund Herdecke nach tatkräftigen Helfern, die mutig genug waren, einen Transport ins Armenhaus Europas zu starten, um dort die Not der Mädchen und Jungen in den Kinderheimen zu lindern. Willi Sieberg, damals 51 Jahre jung, sah vor Ort das Elend und entschloss sich, selbst zu helfen. Dass daraus 25 Jahre werden würden, vermag er selber kaum zu glauben. 25 Jahre, in denen er sich mindestens zweimal pro Jahr auf den Weg nach Rumänien machte: nach Arad, nach Dumesti oder nach Temeschwar. Knapp sechzig Fahrten werden es gewesen sein.

Jede Fahrt ca. 5000 Kilometer lang. Das sind rund 300 000 Kilometer Abenteuer, die er seinen Transportfahrzeugen zugemutet hat. Dass es dabei, obwohl die Straßenverhältnisse in Moldawien teilweise katastrophal sind, keine gravierenden Unfälle gegeben hat, ist beinahe ein kleines Wunder. Einmal zersplitterte die Windschutzscheibe, einmal übermannte Sieberg in einem österreichischen Tunnel der Sekundenschlaf. Gottlob griff sein Beifahrer beherzt ins Lenkrad, so dass nur zwei Felgen und ein Reifen auf der Strecke blieben. „Ansonsten haben wir immer Glück gehabt“, erzählt er.

In einem Atemzug mit Willi Sieberg ist Friedel Petring zu erwähnen, die, solange es die familiären Verhältnisse zuließen, viele, viele Fahrten mitgemacht hat. Dass sie dabei zu Beginn auf Vorurteile gestoßen ist und ihr mancher Mann eine solche „Tortur“ in einem Transporter nicht zugetraut hat, lässt sie heute schmunzeln. „Wir haben in 25 Jahren ca. 4000 Säcke mit Kleidung sortiert und in Rumänien verteilt.

Viele alte Menschen und bedürftige Familien haben sich über medizinische Hilfsmittel, Lebensmittelpakete oder kleine Geldgeschenke gefreut“, berichtet sie. So bekam der an Multiple Sklerose erkrankte Daniel einen elektrischen Rollstuhl (1995), erhielt Alexandru in den Jahren 1991 und 1997 einen Trabbi, die damals 17-jährige Marinel in den Orthopädischen Kliniken Volmarstein eine mechanische Arm- (2000) oder Jonut (18) im Jahr 2007 eine Beinprothese. Vier von unzähligen Beispielen.

Go, Trabbi, go im Jahr ‘97

Besonders die Fahrt mit dem Trabbi im Jahr 1997 war ein Erlebnis. „Pack den doch besser auf einen Anhänger. Der kommt nie nach Rumänien“, hatte ein Experte geraten. Doch der Trabbi lief und lief.

Und noch eine weitere Anekdote ist Friedel Petring in bester Erinnerung. Der Rinderwahnsinn beunruhigte Mitte der 90er Jahre Europa. Weil sich in den Hilfspaketen Würstchen befanden, verweigerten die rumänischen Grenzer die Einreise. Auch der Hinweis, dass diese Würstchen aus Schweinefleisch seien, ließ die Ampel für 17 Stunden nicht auf grün springen. Also hieß es, die Gläser auspacken, im Grenzhäuschen deponieren und bei der Rückreise wieder einzusammeln. „Die standen noch immer da“, erinnert sich Friedel Petring.

All das wäre nicht möglich gewesen, wenn es nicht unzählige Sponsoren und Unterstützer gegeben hätte. Die heimischen Kirchengemeinden, die Vereine, insbesondere die heimischen Chöre, die Schulen oder die Kindergärten, heimische Ärzte und auch die Krankenhäuser. Ein erklecklicher Teil des Geldes wurde Jahr für Jahr auch mit treuen Helfern beim Lichtermarkt verdient.