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Schausteller sehen sich durch EU-Richtlinie in der Not

07.02.2016 | 10:00 Uhr
Kettenkarussells müssen künftig für den Einzelsitz auf 100 Kilogramm Körpergewicht statt bisher 75 Kilogramm ausgelegt sein. So sieht es eine EU-Norm vor. Für ältere Fahrgeschäfte soll es in Deutschland keinen Bestandsschutz geben. Das bereitet den Schaustellern Sorge.Foto: Felix Hörhager/dpa

Hagen.   Der Bundesverband der Schausteller hat in Hagen unter anderem über EU-Normen diskutiert. Deutschland solle Bestandsschutz der EU anwenden.

Die Achterbahn auf Talfahrt, das Kettenkarussell scharf ausgebremst – die Schausteller bangen um ihre traditionellen Fahrgeschäfte. Eine neue EU-Richtlinie stellt mittlerweile höhere Anforderungen an moderne fliegenden Bauten; älteren Karussells gewährt Brüssel Bestandsschutz. In Deutschland jedoch haben die Bauministerien der Länder diese Garantie ausgehebelt, die EU-Norm also übererfüllt – und damit die Schausteller ins Schleudern gebracht. Die Auswirkungen haben nun am Wochenende in Hagen die Bundesfachtagung des Bundesverbandes der Schausteller und Marktkaufleute beherrscht.

Es geht um die DIN EN 13814, von Brüssel bereits im Jahr 2004 erlassen. Die Norm stellt unter anderem höhere Anforderungen an die Stabilität der Fahrgeschäfte. So muss zum Beispiel der Einzelsitz eines Kettenkarussells für 100 Kilogramm ausgelegt werden statt wie bisher für 75 Kilogramm.

Kosten in Höhe von 30 000 Euro

„Eine gute Idee“ lobt Schausteller-Präsident Hans-Peter Arens die verschärfte Norm ausdrücklich zur Eröffnung der Bundesfachtagung in Hagen. Gegen mehr Sicherheit wehren sich die deutschen Schausteller keineswegs, wie sie betonen.

Wohl aber dagegen, dass allein in Deutschland ältere Fahrgeschäfte keinen Bestandsschutz bekommen haben. Denn neun Jahre, nachdem Brüssel die Richtlinie erlassen hatte, haben sich die Bauministerien der Bundesländer im Jahr 2013 darauf geeinigt, dass auch die alten Karussells die neue Norm erfüllen müssen. Das sei so, als ob man ein historisches Gebäude entkernen müsste, weil die Treppensteigung nicht mehr der Sicherheitsformel entspreche, ärgert sich Schausteller Heiko Schierenbeck aus Weyhe bei Bremen am Rande der Tagung.

Die Schausteller müssen nun beim TÜV aufwendige Konformitätsprüfungen beantragen. 30 000 Euro koste ihn ein solcher Bericht, rechnet Heiko Schierenbeck vor, Betreiber einer Blackhole-Achterbahn. Ein eher kleiner Betrag, wie er betont. Für größere Achterbahnen würden schnell 100 000 Euro fällig. Und zwar allein für den Bericht des TÜV.

Regelmäßige Überprüfungen und Abnahmen

Teurer wird es, wenn die Prüfer auferlegen, das Fahrgeschäft nachzurüsten. Das wäre ihm die Sicherheit der Gäste zwar wert, betont Schierenbeck. Doch fürchtet er, dass ein Eingriff in eine gut laufende Anlage eher ein Risiko sei.

Zumal die Fahrgeschäfte ohnehin regelmäßig überprüft werden, nach jedem Aufbau auf dem Festplatz gebe es zudem eine Gebrauchsabnahme, so Schausteller-Geschäftsführer Werner Hammerschmidt. Wenn es zu Unfällen komme, dann habe nie allein die Technik versagt, sondern hätten Menschen Fehler gemacht. „Unsere Karussells sind so sicher wie Flugzeuge“, sagt Hans-Peter Arens.

Nun bleibt vielen Schaustellern nur, ihre Karussells in andere EU-Länder zu verkaufen, fürchtet Hammerschmidt. „Das Angebot wird ausgedünnt“, lautet seine Prognose für die Kirmessaison. Doch die Politik verspricht Hilfe. Bereits im vergangenen Jahr haben SPD, Grüne, CDU und FDP im Landtag die NRW-Regierung aufgefordert, sich in der Bundesbauministerkonferenz für die Einführung des Bestandsschutzes stark zu machen, berichtet Arbeitsminister Rainer Schmeltzer zum Auftakt der Fachtagung. „Wir sehen uns an eurer Seite.“ Auch in Brüssel gibt man den Schaustellern Rückendeckung: Es sei „bedauerlich, dass durch eine Entscheidung in Deutschland wieder der Eindruck erweckt wird, als käme die Überregulierung aus Europa. Dies ist definitiv nicht der Fall“, so der EU-Abgeordnete Peter Liese (CDU).

Mindestlohn und Terrorangst

Die EU-Norm aber ist nicht die einzige Sorge, die die Schausteller plagt. Auch der Mindestlohn führt in Hagen für Diskussionen. Nicht etwa, weil 8,50 Euro pro Stunde zu viel wären: „Wir haben unsere ­Leute schon immer gut bezahlt“, sagt Hans-Peter Arens. Doch abends nach dem Kirmestag stundenlang im Wohnwagen zu sitzen, um der Dokumentationspflicht nachzukommen, sei unzumutbar.

Kopfzerbrechen bereitet den Schaustellern daneben die Furcht vor Terror und Übergriffen wie in der Kölner Silvesternacht. „Wenn wir die Angst nicht aus den Köpfen der Leute bekommen, haben wir ein wahnsinniges Problem“, so Schausteller Arens. Der Dortmunder Betreiber eines Grillschinkenstandes fürchtet, dass auf den Kirmessen die Besucherzahlen zurückgehen wie nach Arens’ Angaben schon Ende des vergangenen Jahres auf Weihnachtsmärkten.

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Nina Grunsky

Kommentare
08.02.2016
17:40
Schausteller sehen sich durch EU-Richtlinie in der Not
von ro-fisch | #4

Wo das Problem liegen soll, Beginn, Pause und Ende der Arbeitszeit einzutragen ist mir schleierhaft. Soweit es darum geht, die Gesamtsumme der Zeit...
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Schausteller sehen sich durch EU-Richtlinie in der Not
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http://www.derwesten.de/staedte/hagen/schausteller-sehen-sich-durch-eu-richtlinie-in-der-not-id11512981.html
2016-02-07 10:00
Hagen