RuheForst: Fläche wird verfünffacht
11.07.2007 | 18:51 Uhr 2007-07-11T18:51:54+0200Hagen. Die Sonne lugt durchs Blätterdach, spiegelt sich in den Regentropfen. Vögel zwitschern. Es ist ruhig hier oben auf der Philippshöhe. Der Lärm, die Hektik der Stadt - Bahnhof und Industrie liegen Luftlinie nur zwei Steinwürfe entfernt - wird verschl
141 Menschen haben im letzten Jahr hier ihre - letzte - Ruhe gefunden: Begraben zwischen den Wurzeln bis zu 100 Jahre alter Eichen, Roteichen und Buchen. Teilweise umgebettet von herkömmlichen Friedhöfen zurück in die Natur. Die neue Form der Bestattung, angeboten seit April 2006, hat sich bewährt. Für die zunächst auf rund zwei Hektar Fläche ausgewiesenen 200 Bäume, Ruhe-Biotope, sind bereits 336 Nutzungsveträge geschlossen, sagt Forstamtsleiter Horst Heicappell. Das heißt: 336 Menschen haben sich "ihren" Baum ausgesucht, unter dem sie, wenn die Zeit gekommen ist, begraben werden möchten. Im Herbst wird erweitert: Das angrenzende Gebiet, weitere sechs bis acht Hektar, wird einbezogen.
"Das, zeigt Heicappell auf eine Eiche auf der Anhöhe, "ist meiner". Schöne Aussicht. Blick in den Wald und auf den Andachtsplatz. Die Eiche - ein "Familien- und Freundschaftsbaum". Hier ist Platz für Angehörige und Freunde, Heicappell hat den ganzen Baum gekauft. Daneben gibt es aber auch Einzelgräber: Dann teilen sich maximal zehn Menschen diesen Baum als letzte Ruhestätte.
"Ich muss auch nah an den Weg, damit man mir mal ein Bierchen bringen kann..." Walter Pilonow scherzt. Für ihn ist klar, dass er in die heimische Erde will - für die Familie ist das Thema "Tod" noch ein Tabu. "Wissen Sie: Ich habe mal drei Monate in Palm Springs in der Wüste gearbeitet. Als ich zurück kam, habe ich mich mit meiner Frau am Garten verabredet. Dann sind wir erstmal in den Wald gegangen. Ich habe die feuchte Erde mit den Fußspitzen umgegraben, um sie wieder zu riechen..." Hier, findet er, ist der richtige Platz um später begraben zu werden. "Und unterm Blätterdach..." lacht er, "sieht uns das Schicksal nicht so..."
Sein Freund Klaus Lerch lacht mit: Auch er ist Vorhaller, kennt dieses Stück Natur und hat seinen Baum bereits ausgesucht: Für sich und seine Frau, seine Tochter und deren Mann und gute Freunde. Die waren von der Idee angetan, wie so viele. Die Gründe sind unterschiedlich. Es gibt die Naturverbundenen, die die Uniformität der Friedhöfe scheuen. Es gibt die, die ihre Angehörigen, so sie denn überhaupt welche greifbar haben, nicht mit der Grabpflege belasten wollen. Nicht zuletzt ist die Bestattung auch eine finanzielle Frage.
Freundschafts- und Familienbäume, für bis zu zehn Bestattungen, kosten je nach Größe und Alter zwischen 2 975 und 8 300 E; ein Einzelplatz liegt zwischen 500 und 1 500 E - jeweils plus Beerdigungsgebühren von 182 E. Die Ruhezeit beträgt 99 Jahre. Beigesetzt werden die Toten in abbaubaren Urnen aus Maisstärke. Wer will, kann seinen Namen auf einer kleinen Plakette verewigen lassen, die bei jeder neuen Beisetzung erweitert wird. Die Plaketten werden - baumschonend - mit Edelstahlschrauben in der Borke befestigt. Auf Trauerzeremonien kann, muss aber nicht verzichtet werden: Dazu gibt es einen natürlichen Andachtsplatz. Blumengestecke werden allerdings nach wenigen Tagen aus dem Wald entfernt. "Wir wollen ja den natürlichen Charakter erhalten".
Heicappell und der für den RuheForst zuständige Mitarbeiter Sebastian Kock sind sich sicher, dass der RuheForst Zukunft hat. Insgesamt stünden hier auf der Philippshöhe 45 Hektar Wald zur Verfügung. Die erste Erweiterung im Herbst in Richtung des lichten Buchenbestandes würde obendrein die Option auf eine alternative Zuwegung beinhalten: Die Zufahrt über den Wolfskuhler Weg wäre nahezu ideal, zumal dort auch Bushaltestelle und Gaststätte eine wichtige Infrastruktur bilden würden. Allerdings: Die Felder gehören bislang nicht der Stadt.
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