Realschul-Eltern lehnen Sekundarschule in Hagen ab
22.02.2012 | 20:07 Uhr 2012-02-22T20:07:00+0100
Hagen. Die Schulpflegschaftsvorsitzenden der sechs Hagener Realschulen lehnen in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Dehm und den Stadtrat die Gründung von Sekundarschulen kategorisch ab.
Die Schulpflegschaftsvorsitzenden der sechs Hagener Realschulen lehnen in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Dehm und den Stadtrat die Gründung von Sekundarschulen kategorisch ab. Die von Gutachter Wolf Krämer-Mandeau vorgeschlagene, vollständige Abschaffung aller Realschulen und deren Ersetzung durch Sekundarschulen sei ein pädagogisches und ideologisches Experiment mit ungewissem Ausgang, für das sie ihre Kinder nicht hergeben würden, heißt es in dem von Stefan Kebbekus (Realschule Emst), Bettina Schnermann (Realschule Boelerheide), Britta Darenberg (Realschule Hohenlimburg), Cornelia Birth (Realschule Altenhagen), Angela Andess (Realschule Haspe) und Dieter Gobien (Realschule Halden) unterzeichneten Schreiben.
„Hervorragende Bildungsarbeit“
Die Elternvertreter bemängeln, die individuelle Förderung des einzelnen Schülers sei in einer Sekundarschule unmöglich, denn dort würden entweder die leistungsstarken Schüler unter- oder aber die leistungsschwachen Schüler überfordert. Ein mehrgliedriges Schulsystem biete dagegen weit bessere Möglichkeiten, die Schüler optimal zu fördern und zu fordern.
Gerade die Hagener Realschulen leisteten seit Jahrzehnten hervorragende Bildungsarbeit, so die Eltern: „Sie sind bei Eltern und Schülern anerkannt und beliebt. Ortsansässige Betriebe fragen gezielt in den Realschulen per Ausbildungsplatzangeboten nach künftigen Mitarbeitern. Wieso eine derart erfolgreiche Schulart in Hagen abgeschafft werden soll, erschließt sich uns nicht.“ Zudem gebe es keinen wissenschaftlichen Beweis für die Vorteile der Sekundarschule.
Die Eltern kritisieren auch, dass ihnen mit der Sekundarschule die Ganztagsbetreuung „aufgezwungen“ werden solle, obwohl diese von vielen Eltern in Hagen abgelehnt werde. Der gebundene Ganztag stellen einen „massiven Eingriff in unsere Entscheidungshoheit als Erziehungsberechtigte“ dar. Kinder seien die Zukunft der Stadt: „Die Hagener Politik sollte aus Verantwortung auf bildungspolitische Experimente verzichten.“ Es sei unverantwortlich, die Schulden der Vergangenheit auf dem Rücken der Kinder abtragen zu wollen, erklären die Eltern mit Blick auf die Finanzlage der Stadt.
Abschaffung rechtswidrig
Die Abschaffung aller Realschulen halten die Eltern zudem für rechtswidrig. Der Landesgesetzgeber habe keineswegs beabsichtigt, einen historisch einzigartigen bildungspolitischen Kahlschlag durchzuführen. Die Sekundarschule sei lediglich als Ergänzung zum mehrgliedrigen Schulsystem gedacht.
Das Regierungspräsidium in Arnsberg teilte gestern mit, grundsätzlich sei die Abschaffung aller Realschulen zugunsten von Sekundarschulen sehr wohl möglich. Zuvor müsse jedoch der Elternwille in den Grundschulen, in denen die zukünftigen Real- bzw. Sekundarschüler sitzen, abgefragt werden: „Und dabei muss der Wunsch nach einer Sekundarschule deutlich werden“, so ein Sprecher der Behörde. Zudem müsse die Stadt bei einer derart einschneidenden Maßnahme wie der flächendeckenden Einführung von Sekundarschulen den „regionalen Konsens“ herstellen, also das Einvernehmen mit den umliegenden Städten und Gemeinden suchen.
Schüler, die bereits eine Realschule besuchen oder dort angemeldet sind, sind von zukünftigen Veränderungen nicht betroffen. Sie dürfen ihre Schullaufbahn unter allen Umständen an einer Realschule beenden.
17:29
Die Frage, die ich mir stelle lautet: Warum wird denn nicht das Gymnasium mit der Realschule zusammengelegt?
Aber vielleicht bin ich ja auch nur fortschrittlich, mal warten ,was in 10 Jahren für eine Sau durchs Dorf getrieben wird.
Ich habe das Gutachten im Internet gelesen, außer viele bunte Kurven hat es wenig Substanz. Ich kann da die Eltern schon verstehen, die jetzt besorgt sind.
09:40
@ stefanw2468 | #3
Wer als Realschuleltern vermeintlich sorgenvoll behauptet, er gäbe seine Kinder nicht für eine Sekundarschule her, obgleich diese Realschüler von einer Sekundarschulgründung in ihrer Realschullaufbahn ja gar nicht tangiert sein werden, versucht ganz absichtsvoll, per Falschinformation unnötige Schulwechselängste zu schüren, oder hat keine Ahnung von der Materie.
Es ist doch so:
Da versucht gerade eine Realschulelternlobby, bei deren Kindern es nicht fürs Gymnasium gelangt hat und die zu dünkelhaft waren, ihre Kinder auf eine Gesamtschule zu schicken, zu verhindern, dass künftige Jahrgänge bisheriger Grundschüler gemeinsam auf eine Sekundarschule gehen könnten.
Das dreigliedrige Schulsystem in D stammt aus der Zeit des Dreiklassenwahlrechtes. Die Realschullobby will gar ein Vierklassenschulsystem.
Darüber, welche Schulen bisherige Grundschüler ab 2013/14 besuchen, entscheiden die Grundschuleltern selbst und nicht bevormundend die jetzigen Realschuleltern.
Ihr Zitat: "Darüber, welche Schulen bisherige Grundschüler ab 2013/14 besuchen, entscheiden die Grundschuleltern selbst und nicht bevormundend die jetzigen Realschuleltern."
Sollten die Realschulen geschlossen werden, entscheiden die künftigen Grundschulelten eben nicht selbst, da es die Wahl dann nicht mehr gibt.
Insgesamt wünsche ich mir mehr Argumente und offene (!) Kommunikation - auch mit Eltern - und weniger Ideologie. Auch an den Haaren herbeigezogene Vorwürfe über absichtsvolle Falschinformation, Lobby und Dünkeltum bewerte ich als ausgesprochen schwache "Argumente" und daher als wenig hilfreich.
09:14
Ist #1 degree37celsius etwa dahin gehend zu verstehen, dass er die Argumente der heutigen Realschul-Eltern deswegen ablehnt, weil deren Kinder von den erst in einigen Jahren anstehenden Realschulschließungen ja gar nicht betroffen wären?!
Ich jedenfalls bin froh über Eltern, die sich nicht nur für ihre eigenen Kinder einsetzen, sondern das Wohl aller, auch der nachfolgenden Generation, im Auge haben.
Diesen Eltern also mein Dank!
23:04
Eine Zweiklassengesellschaft.
Gut = Gymnasium, Schlecht = Sekundarschule.
War die Hauptschule früher die Regelschule, die jetzt die Realschule darstellt, und "alles andere" wurde in die Sonderschule verfrachtet, so ist eben nun die Hauptschule für die -sagen wir- nicht ganz so guten oder lernwilligen Schüler zuständig. Diese werden sich nun mit Feuereifer über ihre Bücher hermachen, denn sie sind nun Sekundarschüler.
Oder liege ich da falsch?
Eine beinahe Katastrophe wird es wohl sein, wenn am Ende der Grundschule "nur" Realschulniveau bescheinigt wird. Was soll aus dem Sprößling werden? Etwa Landrat?
Eine Schulform dürfte dann aber einen Aufschwung sondergleichen erleben, und das ist die Gesamtschule. Für alle anderen heißt es schonmal fleißig sparen, um den Nachwuchs zur Privatschule schicken zu können.
20:51
"Die von Gutachter WKM vorgeschlagene, vollständige Abschaffung aller Realschulen und deren Ersetzung durch Sekundarschulen sei ein pädagogisches und ideologisches Experiment mit ungewissem Ausgang, für das sie ihre Kinder nicht hergeben würden,"
Um die bisherigen Realschüler geht es doch gar nicht, sondern darum, aus welchem Angebot die Eltern der bisherigen Grundschüler für die 5. Klasse im Schuljahr 2013/14 wählen können.
"Schüler, die bereits eine Realschule besuchen oder dort angemeldet sind, sind von zukünftigen Veränderungen nicht betroffen. Sie dürfen ihre Schullaufbahn unter allen Umständen an einer Realschule beenden." Na also!
Es geht somit der Realschullobby um etwas anderes:
Sie möchten dünkelhaft keine schulische Vermischung von Realschülern mit Hauptschülern. Sie wollen Ganztagsbetreuung verhindern. Nichts soll sich am bisherigen System ändern. Wie denkfaul!
So, als gäbe es keine sinkenden Schülerzahlen. So als wären darob nicht Schulen von Schließungen bedroht.