Realistisch oder nicht - Hagener Polizisten äußern sich zum "Tatort"

Tatort im Visier: Thorsten Maggi, Christoph Jürgens vom KK11 und Polizei-Sprecher Tino Schäfer.
Tatort im Visier: Thorsten Maggi, Christoph Jürgens vom KK11 und Polizei-Sprecher Tino Schäfer.
Foto: Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
In Hagen fahnden die Polizisten Thorsten Maggi und Christoph Jürgens im wahren Leben nach Mördern. Beim "Tatort" in der ARD gucken sie kritisch hin.

Hagen.. Es gibt da etwas, das uns eint. Sonntagabends ist unsere Zeit. Die Zeit der Besserwisser. Für mich, wenn wieder die hetzende Journalistenmeute hinter einem Absperrband gezeigt wird. Und für Christoph Jürgens, Thorsten Maggi und Polizei-Sprecher Tino Schäfer, die im wahren Leben auf der anderen Seite des Flatterbandes stehen.

Sie sind Polizisten, die ersten beiden gar Mitglieder einer Mordkommission, und nörgeln. Zum Beispiel, wenn die Ermittler ohne Spurensicherungsanzüge neben einer Leiche hocken. So wie Hauptkommissarin Eva Saalfeld in „Blutschuld“. „Die Spuren ihrer Jeans würde man später an der Leiche finden“, sagt Maggi. „Das geht gar nicht.“

Alle sechs Wochen Bereitschaft

„Blutschuld“, die erste Klappe. Sonntagabend, 20.15 Uhr, ist Tatortzeit. Wir nehmen Saalfeld und Andreas Keppler (Simone Thomalla und Martin Wuttke) genau ins Visier. Ein Praxistest im Wohnzimmer – bei Cola und Kartoffelchips.

„Das geht schon damit los, dass im Fernsehen suggeriert wird, dass die Ermittler sich um nichts anderes als um Tötungsdelikte kümmern“, sagt Thorsten Maggi. Im Präsidium auf der Hoheleye gibt es insgesamt sechs Mordkommissionen, die für den Bereich zwischen Hagen und Siegen zuständig sind. „Alle sechs Wochen haben wir Bereitschaft.“

Keine Befragung ohne Belehrung

Passiert in dieser Zeit nichts, gehen Kriminalhauptkommissar Jürgens, Oberkommissar Thorsten Maggi und die Kollegen den Aufgaben nach, um die sie sich auch außerhalb ihrer Bereitschaft kümmern. Dazu zählen Brände, Sexualdelikte, Stalking, Kinderpornografie oder Waffenvergehen. Maggi und Jürgens arbeiten im Kriminalkommissariat 11.

„Blutschuld“, die zweite Klappe. Die Angehörigen des Opfers stehen noch in jenem Haus, in dem im Obergeschoss die Leiche liegt. „Undenkbar“, sagt Christoph Jürgens, „die müssen alle raus.“ Auch dass Hauptkommissarin Saalfeld erste Befragungen vornimmt, ohne die Zeugen zu belehren, kommt für die echten Fahnder nicht in Frage: „Da sind Aussagen unter Umständen gar nicht zu verwerten“, so Thorsten Maggi.

Besprechung mit Kriminaltechnikern

„Blutschuld“, die dritte Klappe: Besprechung der Mordkommission. Immerhin: „Das ist realistisch und macht auch Sinn“, so Christoph Jürgens, „auch wir sitzen immer wieder zusammen und tauschen uns aus. Auch dass die Kriminaltechniker dabei sind, ist absolut korrekt.“ Und: „In solchen Situationen werden auch abwegige Gedanken laut ausgesprochen. Manchmal bringt einen das voran.“

„Blutschuld“, die vierte Klappe. Kommissarin Saalfeld sitzt im Auto. Fotos und Akten werden direkt auf ihr i-Pad geschickt. „Interessanter Ansatz, aber mit dem Tablet sind wir nicht unterwegs“, sagt Thorsten Maggi. Auch den Austausch in einer Chatgruppe oder per Kurznachricht über Handy gibt’s nicht. „Über allem steht für uns der Datenschutz“, sagt Tino Schäfer.

Keine Alleingänge

„Blutschuld“, die fünfte Klappe. Alleingänge gehören zu fast jedem Tatort. Die Ermittler trennen sich, sind ohne ihren Partner unterwegs und bekommen nicht selten von hinten in einem dunklen Raum einen Schlag versetzt. Auch Keppler macht sich ohne Partnerin auf die Socken. „Dass einer von uns alleine zu einem Zeugen fährt, kommt nicht vor“, so Christoph Jürgens, „wir sind immer zusammen unterwegs.“

„Blutschuld“, die sechste Klappe. Das Alibi eines Verdächtigen regi­strieren die Leipziger Ermittler quasi nebenbei. „So etwas muss man schriftlich haben“, sagt Christoph Jürgens. Überhaupt: „Alles, was im Laufe der Ermittlungen passiert, muss dokumentiert werden. Sonst gibt es in einem späteren Prozess riesige Probleme.“

Keine Zimmer mit Spiegeln

„Blutschuld“, die siebte Klappe. Der Tatverdächtige sitzt im Vernehmungszimmer vor einem venezianischen Spiegel (und wieder protokolliert keiner die Aussage). „Solche Räume gibt es in ganz Nordrhein-Westfalen nicht“, sagt Tino Schäfer, „Zeugenvernehmungen finden in ganz normalen Büros statt.“ Im Übrigen führen Beamte wichtige Vernehmungen nie alleine durch. „Man bereitet sich auch vor, macht sich Notizen“, sagt Christoph Jürgens.

„Blutschuld“, die achte Klappe. Die Mitglieder der Mordkommission observieren Verdächtige höchstselbst. „Das kommt eher selten vor“, sagt Thorsten Maggi. „Dafür gibt es mobile Einsatzkommandos. Diese MEK würden mit mehreren Teams anrücken.“

„Blutschuld“, die neunte. Schluss. Blutig war’s. Die Kommissare haben viel zu diskutieren. Der Redakteur nicht. Journalisten kamen im Leipzig-Tatort nicht vor.