Pornos und Rassismus im Hagener Theaterstück "Avenue Q“

Die Musical-Studenten Carolin Waltsgott, Nicolai Schwab und Vicco Farah (von links) bei einer Probe mit ihren Figuren.
Die Musical-Studenten Carolin Waltsgott, Nicolai Schwab und Vicco Farah (von links) bei einer Probe mit ihren Figuren.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Das Stück „Avenue Q“ im Theater Hagen ist anders als alles bisher Gezeigte: Es geht um Pornos, Rassismus und Drogen - erzählt von Puppen.

Hagen-Mitte.. Ernie war mehr als sein kehliges Kichern. Er und sein einbrauiger Freund Bert waren ein Stück soziale Erziehung. Der kindlich-naive Spitzbub mit dem federleichten Gemüt und der Taubenwitze-Freund und Büroklammer-Sammler waren Pol und Gegenpol, These und Anti-These. Aus ihren kleinen Problemen heraus erarbeiteten der Schussel und der Spießer am Ende einen Verhaltensvorschlag für Kinder, wie man mit dieser oder jener Situation in seiner Umwelt am besten umgeht. Vor dem Regie-Tisch auf der großen Bühne des Stadttheaters sind die oft wirren Unterhaltungen von Ernie und Bert aktuell reale Probleme der Erwachsenenwelt. Reingeschaut in die Proben zum Musical „Avenue Q“. Da kommt eine Nummer auf die Bretter der Hagener Bühne, die eine Beschreibung am allermeisten verdient: absolut anders.

Schauspieler im Hintergrund

Sie spielen mit Puppen. Mit Puppen, die optisch ein Gemisch aus der Sesamstraße und der Muppet-Show sind, und doch ist keiner der stoffigen Akteure eine Kopie der Vorbilder. Auch die „Avenue Q“, in der das gleichnamige Stück spielt, gibt es nicht. Sie ist eine fiktive New Yorker Straße. Und für die Schauspieler kommt es in gewisser Weise knüppeldick. Sie sind Bediener der Hauptdarsteller, die auf ihren Unterarmen sitzen.

Vier, fünf Minuten dauert das Hin-und-Her-Gewirre der Augen des Betrachters, bis sie schließlich nur noch an den Puppen hängen. Sascha Wienhausen trägt zu seinem prüfenden Blick ein kindliches Lächeln in seinem erwachsenen Gesicht. Der große Mann mit der Glatze ist Professor an der Hochschule Osnabrück und leitet dort den Studiengang Musical und Vokalpädagogik. Eine Ausbildung, in deren Genuss jährlich nur acht Studierende kommen. An den Standorten Berlin, Essen und München ebenfalls. Man muss nicht gut, nicht supergut, sondern spitzenklasse sein, um dort ein „Ja“ zu bekommen.

„Es war ein Traum von mir, dieses Stück in Hagen zu spielen“, sagt Wienhausen. In Kooperation mit dem Hagener Stadttheater bringt die Hochschule Osnabrück die „Avenue Q“ im September in Hagen auf die Bretter. Drei Akteure sind „echte“ Darsteller des Theaters. Zum Rest des Ensembles zählen ausschließlich die Studierenden des aktuellen Abschlussjahrgangs. Sie erwecken die Puppen zum Leben, lassen sie tanzen, intrigieren, lachen – und Sex haben. Auf offener Bühne mit lautem Gestöhne und ordinären Handlungen.

Mega-Erfolg am Broadway

Das ist Teil der Idee von „Avenue Q“. Die wie eine genetische Mutation der Protagonisten aus Muppet-Show und Sesamstraße wirkenden Figuren arbeiten Themen wie Homosexualität, Rassismus, Pornografie, Obdachlosigkeit, Perspektivlosigkeit, Sex und menschliche Schwächen ab. Niedlich im Antlitz, grau bis schwarz in ihrer plüschigen Seele. Eine Sesamstraße für Erwachsene. Ernie und Bert im Hier und Jetzt, garniert mit jeder Menge Songs zwischen Rock und Jazz.

Was in Hagen in 15 Vorstellungen ab dem 15. September ein Erfolg werden soll, ist am Broadway geradezu durch die Decke geschossen. Dort lief es von 2003 bis 2009 und gewann 2004 den Tony Award – den Musical-Oscar. Und zwar in dem Jahr, in dem auch „Wicked“ nominiert gewesen ist.

„Die Puppen, die in Hagen zu sehen sein werden, sind die Originale aus New York“, sagt Wienhausen, der das Ensemble gerade dabei beobachtet, wie es eine Sexszene einübt. Zwischendurch laufen kleine Einspielfilme. Immer wieder justiert die Choreographin bei den Proben nach. Puppe höher, Puppe tiefer. Puppe mehr unterstützen, Schauspieler mehr unterstützen. „Puppe und Schauspieler agieren miteinander“, sagt Wienhausen.

Verrucht, verrückt, verspielt. „Avenue Q“ wird seine Darsteller, aber auch das Publikum vor eine Denkaufgabe stellen. In vielerlei Hinsicht.