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O Fortuna - Verzaubert im Glücksrad

04.07.2012 | 16:58 Uhr
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Die Geigerin Antje Weithaas begeistert mit dem Concerto gregoriano in Hagen.Foto: Marco Borggreve

Hagen.   Florian Ludwig führt mit den Hagener Philharmonikern und fünf Chören aus der Region Orffs Meisterwerk auf. Kein Musikstück beginnt so wuchtig und eindrucksvoll wie Orffs Carmina Burana. Florian Ludwig hat zum Abschluss des 100-Jahr-Jubiläums des Hagener Theaters mehrere Chöre zusammengeführt.

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Orff entzückt auch als Solidaritätskonzert

O Fortuna! Tosender Applaus, begeisterte Pfiffe und stehende Ovationen: Sichtlich entzückt zollte das Publikum den etwa 100 Mitwirkenden des...

O Fortuna : Man kennt die Musik aus der Schokoladenwerbung, von Auftritten Michael Jacksons und Ozzy Osbournes, sie ist längst Teil der Popkultur geworden. Keine andere Komposition des 20. Jahrhunderts ist so erfolgreich. Und es gibt praktisch kaum ein Musikstück, das so wuchtig beginnt, die Hörer gleich mit dem ersten Takt so packt wie dieses: Wer Carl Orffs (1895 – 1982) Carmina Burana dirigieren will, darf nicht schüchtern sein. Das Publikum in der ausverkauften Hagener Stadthalle feierte jetzt mit Beifall im Stehen zum Abschluss des 100-Jahr-Jubiläums des Hagener Theaters eine sensationelle Aufführung der mittelalterlichen Lieder aus Benediktbeuren.

GMD Florian Ludwig hat dafür mehrere Chöre der Region mit dem Philharmonischen Orchester zusammengeführt: den Philharmonischen Chor Hagen, den Opernchor, den Oratorienchor Letmathe, den Knabenchor Hagen sowie den Kinder- und Jugendchor des Theaters. Herausragende Solisten ergänzen die großartigen Chorstimmen: Richard van Gemert, der als Tenor das Lamento des gebratenen Schwans ironisch gestaltet; Bariton Raymond Ayers, der sich in der Vagantenbeichte und im Bekenntnis des liederlichen Abts stimmlich vielseitig zeigt und Stefania Dovhan, deren sensationeller Sopran mit seiner stratosphärischen Höhe noch an Empfindungsreichtum gewonnen hat.

Orff ging den anderen Weg

Nach der Wende zum 20. Jahrhundert geriet die spätromantische Musiktradition in eine Krise. Die Atonalität war eine Antwort darauf. Carl Orff ging einen anderen Weg: Er suchte neue Inspiration im Studium der Komponisten vor Bach und der außereuropäischen Musik. Insofern wirkte es wie ein Katalysator, als der Komponist die mittelalterliche Handschrift Carmina Burana entdeckte und daraus sein berühmtestes Werk schuf, das vor 75 Jahren, am 8. Juni 1937 uraufgeführt wurde.

Carmina Burana in Hattingen

GMD Florian Ludwig bringt Fortunas Glücksrad mit ungeheurer Konzentration in Schwung und erzeugt aus dem packenden Rhythmus des Werks über 65 Minuten hinweg eine so dichte Spannung, dass das Publikum Gänsehaut kriegt. Dabei lässt der Maestro die gut 200 Sängerinnen und Sänger nicht einfach losbrüllen, sondern achtet unbedingt auf Stimmkultur. Immer wieder setzt er leise und lyrische Akzente, aber auch freche und derbe, gerade, wenn der Männerchor im Kneipenlied die Freude am Sex und am Saufen besingt.

Große Geigerin

Das klingt so überwältigend, dass es eine bessere Werbung für das Singen im Chor kaum geben kann. Das Orchester zelebriert die herrlich pralle Musik mit ansteckender Begeisterung.

Nicht nur Orff suchte einen Ausweg aus der Kompositionskrise im Rückgriff auf archaische Harmonie- und Motivbildungen. Der italienische Komponist Ottorino Respighi (1879 – 1936) interessierte sich für den gregorianischen Choral. In seinem „Concerto gregoriano“ ist davon allerdings trotz des Titels nicht viel zu spüren, es handelt sich um ein großes und langes Violinkonzert mit impressionistisch beeinflusster schillernder Orchestrierung sowie klotzigen Blechfanfaren im 3. Satz.

Die große Geigerin Antje Weithaas interpretiert das Concerto mit ungemein edlem und makellosem Ton. Antje Weithaas kann ihrer Geige unglaublich viele Farben entlocken, sie erfüllt das fast vergessene Werk mit glitzernder Sinnlichkeit. Gerade im langsamen Satz wirkt das im Dialog mit der Celesta geradezu entrückt. Zum Auftakt dieses Abends mit Überbreite erklang ein weiterer Komponist, der sich von mittelalterlichen Tonidealen befruchten lässt: Arvo Pärts (geb. 1935) winzig kurzes, unglaublich bewegendes „Da pacem Domine“ für Chor und Orchester.

1600 Besucher, jeder einzelne Platz trotz des sommerlichen Wetters verkauft: Dieser begeisternde Erfolg zeigt, dass GMD Florian Ludwig genau richtig liegt, wenn er die Chöre der Region in seine Sinfoniekonzert-Konzeption mit einbindet.

Monika Willer

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