„Nichts ist schlimmer als Einsamkeit“

Die Bewohnerinnen Sonja Böhm (li.) und Herta Runge (re.) mit Susanne Braatz, Betreiberin der „Agentur für Senioren WGs“.
Die Bewohnerinnen Sonja Böhm (li.) und Herta Runge (re.) mit Susanne Braatz, Betreiberin der „Agentur für Senioren WGs“.
Foto: Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Seit über einem Jahr leben drei ganz unterschiedliche Menschen in der dritten Etage eines Mehrfamilienhauses in der Fußgängerzone unter einem Dach. Rund um die Uhr werden sie vom Pflegepersonal der „Agentur für Senioren WGs“ betreut.

Hagen.. Die Zimmertüren ­stehen offen. Bei jedem und fast immer. Denn was sie sich wünschen, ist alles, nur keine Einsamkeit. Sie, das sind die Bewohner der Senioren-Wohngemeinschaft in der Kampstraße.

Wir besuchen Herta Runge und Sonja Böhm und Bernd Finke in ihrem Zuhause mitten in der Innenstadt. Seit über einem Jahr leben die drei ganz unterschiedlichen Menschen hier in der dritten Etage des Mehrfamilienhauses in der Fußgängerzone unter einem Dach. Rund um die Uhr werden sie vom Pflegepersonal der „Agentur für Senioren WGs“ betreut.

Mit 88 Jahren noch immerein quirliger Typ

Herta Runge ist 88 Jahre alt, lebte bis Anfang 2013 allein in einer Wohnung, ist ein noch immer sehr quirliger Typ. Die ebenfalls 88-jährige Sonja Böhm wohnte einige Monate in einem Pflegeheim, fühlte sich dort allerdings nicht wohl und entschloss sich daraufhin, in die im vergangenen Jahr neu gegründeten Senioren-WG zu ziehen. Bernd Finke ist mit 62 Jahrendas Nesthäkchen des Trios, er ist schwer körperlich erkrankt, bekommt jeden Tag Besuch von seiner Ehefrau.

Die 150 Quadratmeter ­große Wohnung ist alten- und behindertengerecht angelegt, ­direkt vor der Etagentür befindet sich ein Aufzug, jeder hat sein eigenes Zimmer mit privatem Mobiliar, das Herzstück der Wohnung ist der gemütliche Gemeinschaftsraum mit inte­grierter Küche. „Einmal pro Woche stellen wir einen Wunsch-Speiseplan auf“, erläutert Susanne Braatz, Inhaberin der Agentur.

"Es kommt auf die richtige Mischung an"

Wie sie dazu kam, diese ­alternative Lebensform für ­ältere Menschen bzw. für Menschen mit Gebrechen ins ­Leben zu rufen? „Vor 20 Jahren kam meine Großmutter ins Altenheim. Und da hab’ ich mir so meine Gedanken über das Altern an sich gemacht. Außerdem hab’ ich meine ­Diplom-Arbeit zum Thema Geronto-Psychiatrie geschrieben.“ Mittlerweile betreuen ­Susanne Braatz und ihr Team zwei Senioren-WGs im gleichen Haus mit jeweils drei Bewohnern.

„Es kommt auf die richtige Mischung an. Die Frage ,Wer passt zu wem?’ ist ganz wichtig. Jeder Mensch hat schließlich andere Stärken und Defizite, erst Recht im Alter“, ­betont Braatz.

Die Solidargemeinschaft funktioniert

Wir nehmen am großen Tisch im Gemeinschaftsraum Platz. Doch Herta Runge bleibt nicht lange sitzen, sie ­faltet die Wäsche zusammen, die eine Dame vom Betreuungsteam im Wäschekorb ­hereinträgt. „Frau Runge ist ein Schatz, ein extrem positiver Mensch. Sie bespaßt alle“, sagt Susanne Braatz. Sonja Böhm sei „die Liebe“, die die Gesellschaft im Haus unheimlich genießen würde. „Ja, und Herr Vincke, der hat hier alles im Blick.“

Die Solidargemeinschaft funktioniert, weil Schwächen wie Gebrechen und Demenz kompensiert werden.

Innovative Wohnformen

Um die Situation in den ­Pflegeheimen in Deutschland zu entlasten, werden betreute Wohngruppen von Bund und Land gefördert.

Bedingung: Die Bewohner müssen mindestens die Pflegestufe 1 haben. „Zusätzlich zum normalen Pflegegeld, dessen Höhe sich nach der Pflegestufe richtet, zahlt die Pflegekasse einen Zuschuss“, erläutert Susanne Braatz. Und geht davon aus, dass die Nachfrage nach innovativen Wohnformen in den kommenden Jahren steigen wird.

Wer rastet, der rostet

Physiotherapeuten kommen regelmäßig in die Wohnung und trainieren die Beweglichkeit der Bewohner; ­mehrmals pro Woche wird gespielt (z.B. Karten, Dame oder Mühle), um die geistige Fitness zu erhalten beziehungsweise zu steigern. „Einsamkeit und Langeweile ist das Schlimmste für alte und gehandicapte Menschen. Wir organisieren für sie kleine Ausflüge zu Fuß oder im Rollstuhl, wir gehen gemeinsam einfach mal Eis­essen oder draußen irgendwo Kaffeetrinken. An sich Kleinigkeiten, die das Leben aber lebenswert erhalten.“

Herta Runge schaut ­suchend durch den großen Raum. „Ah, da ist sie ja.“ Die alte Dame greift zur entdeckten Gießkanne, füllt sie mit Wasser, gießt die Blumen. Wer rastet, der rostet. Oh ja, wie wahr . . .