Nicht nur der Name hat sich in 40 Jahren verändert

Hagen..  Frauenalltag in Deutschland, 1975. Frauen dürfen wählen. Verheiratete Frauen dürfen mit Erlaubnis des Gatten arbeiten - „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“. Seit Anfang des Jahrzehntes haben auch ledige Frauen das Recht, mit der Antibabypille zu verhüten – und wer dennoch ungewollt schwanger wird, kann dank der Reform des Strafgesetztes innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen straffrei einen Abbruch vornehmen lassen. Voraussetzung: Frauen brauchen eine Indikation vom Arzt und müssen sich beraten lassen. Im ganzen Land entstehen „Beratungsstellen für Schwangerenkonflikte“ – am 18. April 1975 auch in Hagen. Heute heißt die Einrichtung des Ev. Kirchenkreises „Sichtweise“ – der Name ist nicht das Einzige, was sich in den letzten 40 Jahren verändert hat.

„Für die Frauen war dieses Gesetz eine riesige Errungenschaft!“ Elsbeth Wilbrand-Behrens ist eine der drei Mitarbeiterinnen in der Beratungsstelle, die sie seit 2003 leitet. Seit 1993 ist die Diplom-Pädagogin dabei; über die Anfänge der Beratungsstelle weiß sie nur aus den Erzählungen ihrer Vorgängerin. Doch an die hitzige Zeit kann sie sich noch gut erinnern. In die Hagener Beratung kamen auch Frauen aus dem Umland. Sie suchten lieber die Anonymität der Großstadt, als zum Dorfarzt zu gehen, der die Bescheinigung auch hätte ausstellen können.

Heute sind nur noch zehn Prozent der jährlich 800 Gespräche Konfliktberatungen. „Durch bessere Verhütung, Aufklärung und den demographischen Wandel werden heute viel weniger Schwangerschaften abgebrochen“, erklärt Wilbrand-Behrens. 90 Prozent der Gespräche drehen sich um Familien- und Partnerschaftsprobleme. Die haben aber oft etwas mit den Kindern zu tun, mit der neuen Rolle als Mutter oder Vater und mit den Veränderungen in der Partnerschaft. Dies entspricht dem im Kinderschutzgesetz formulierten neuen Auftrag an die Schwangerenberatungsstellen, in den Netzwerken Früher Hilfen mitzuarbeiten und Beratung für Familien mit Kindern unter drei Jahren anzubieten.

Die Frühen Hilfen der Stadt arbeiten heute häufig mit Familienzen­tren zusammen.