Nach Horrorfahrt kommt Angeklagter glimpflich davon

Foto: Justizia fällte ein mildes Urteil über den Angeklagten
Was wir bereits wissen
Der Azubi (23), der sein Opfer regelrecht kidnappte, mit dem Tode bedrohte und schließlich ausraubte, kam äußerst günstig davon: ein Jahr und neun Monate Haft, ausgesetzt zur Bewährung.

Hagen.. Diese Horrorfahrt verfolgt den Mann aus Haspe (48) bis zum heutigen Tag: „Ich habe in den letzten Monaten zehn Kilo abgenommen, habe richtige Paranoia seit dieser Geschichte. Und Angstzustände, fast jede Nacht.“ Nie mehr würde er per Anhalter fahren, nie mehr zu einem Fremden ins Auto steigen.

Der junge Auszubildende (23), der hinterm Steuer saß, sein Opfer eine Stunde lang regelrecht kidnappte, mit dem Tode bedrohte und schließlich ausraubte, kam gestern vor dem Landgericht äußerst günstig davon: ein Jahr und neun Monate Haft, ausgesetzt zur Bewährung, lautete das milde Urteil. Die 9. Strafkammer erkannte auf räuberische Erpressung.

2400 Euro Schmerzensgeld in Raten

Zuvor hatte sich der Verurteilte noch verpflichtet, 2400 Euro Schmerzensgeld an das Opfer zu zahlen. Er darf den Betrag von seiner Ausbildungsvergütung in monatlichen 100-Euro-Raten abstottern.

Der Fall, zur Erinnerung: Am 5. Juni, gegen Mitternacht, stand der 48-jährige (Frührentner mit 80-prozentiger Schwerbehinderung und Epilepsie) an der Berliner Straße, um als Tramper mitgenommen zu werden. Der rote Kleinwagen des Angeklagten stoppte, die Horrorfahrt begann.

Von nun an war der Frührentner eine Geisel des Angeklagten. Der Fahrer gab Gas, fuhr über eine Stunde lang kreuz und quer durch Hagen. Er nahm dem hilflosen Beifahrer Handy und Geldbörse ab, drohte, ihn zu knebeln und zu fesseln und in einem Wald abzulegen. Das Opfer erlitt Todesangst.

Auf einem einsamen Parkplatz wurde dem Rentner schließlich noch die Scheckkarte abgenommen und die Geheimzahl abgepresst. Mehrere Versuche das Konto zu plündern, scheiterten. Der Täter wurde am Geldautomaten gefilmt.

Kein erpresserischer Menschenraub

Strafverteidiger Klaus-Peter Kniffka: „Mein Mandant hat sich schließlich der Polizei gestellt, weil er psychisch damit nicht klar kam, einem Menschen so etwas angetan zu haben.“

In dieselbe Richtung zielte auch die Urteilsbegründung: „Das ist irgendwie eskaliert, kein Mensch weiß eigentlich, warum“, erklärte Vorsitzender Richter Till Deipenwisch. Er betonte, dass der Angeklagte „ein umfassendes, von Reue getragenes Geständnis“ abgelegt habe. Zudem sei er in den „kommunikativen Prozess eines Täter-Opfer-Ausgleichs eingetreten“.

Der angeklagte Vorwurf des erpresserischen Menschenraubs wurde fallenlassen, weil „kein körperlicher Übergriff zu Beginn des Geschehens“ festgestellt werden konnte, „massive Drohungen ja, aber keinerlei Gewaltanwendungen“. Sonst hätte nach dem Gesetz eine Mindeststrafe von fünf Jahren gedroht.