„Mohammed hätte über die Zeichnungen gelacht“

Askin Demirhan, Vorsitzender der DITIB-Zentralmoschee, blickt auf eine Mohammed-Karikatur, die auf der ersten Ausgabe des Satire-Magazins Charlie Hebdo abgebildet ist, die nach dem Attentat abgedruckt wurde.
Askin Demirhan, Vorsitzender der DITIB-Zentralmoschee, blickt auf eine Mohammed-Karikatur, die auf der ersten Ausgabe des Satire-Magazins Charlie Hebdo abgebildet ist, die nach dem Attentat abgedruckt wurde.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Der Vorsitzende der Hagener Zentralmoschee im Gespräch über die Pressefreiheit und den Terror in Paris. Millionen Muslime hätten unter solchen Taten zu leiden.

Hagen.. Wir haben mit Askin Demirhan, Vorsitzender der DITIB-Zentralmoschee in Hagen, über die neueste Charlie-Hebdo-Ausgabe und die Mohammed-Karikatur auf dem Titelblatt gesprochen. Seine Botschaft lautet: Der Terror hat keine Religion. Und der Islam passt besser nach Europa als die Öffentlichkeit denkt.

Was haben die vergangenen acht Tage mit ihnen als Muslim gemacht, Herr Demirhan?

Askin Demirhan: Ich bin schockiert. Was kann einen Menschen dazu bewegen, wegen einer Zeichnung jemanden zu töten? Es gibt nur einen, der Leben gibt und Leben nimmt. Und das ist Gott. Oder Allah. Je nach dem, woran wir glauben. Jetzt sind unschuldige Menschen gestorben und noch dazu stehen wir Muslime wie die Schuldigen da.

Studien belegen, dass die deutsche Bevölkerung dem Islam gegenüber zunehmend kritischer eingestellt ist. Macht ihnen das Sorgen?

Demirhan: Man muss vor Terror Angst haben, nicht vor der Religion. Mir tut die Entwicklung sehr weh. Denn der Islam ist freundlicher als viele denken und passt sehr gut nach Deutschland. Voraussetzung aber ist, den anderen zu respektieren. Lebensarten, Gesetze, Religionen und die Art, Meinung zu äußern. Wer den Islam richtig kennt und danach lebt, wird sich gut integrieren können.

Mohammed gilt im Islam als Prophet, als Gottgesandter. Ihm wurde mit dem Koran das Wort Gottes offenbart. Fühlen Sie sich provoziert, wenn die wichtigste Figur Ihrer Religion in Karikaturen aufs Korn genommen wird?

Demirhan: Mohammed und auch die anderen Propheten sind sehr wichtige Personen in unserer Religion. Dass er veralbert wird, ist bestimmt nicht schön. Aber: Ich lasse den Journalisten ihre Freiheit, solche Dinge zu zeichnen. Das ist Meinungsfreiheit. Und Kritik gehört zur Religion. Und außerdem verschwindet sowas wieder, wenn man nicht zu stark darauf reagiert. Und: So wie ich den Charakter des Propheten Mohammed kenne, hätte er über all das gelacht. Und er wäre sehr schockiert und empört über diese brutalen Taten.

Ihre Einstellung zur Pressefreiheit teilen viele Muslime nicht. Sie fühlen sich beleidigt durch die Mohammed-Karikaturen.

Demirhan: Wir leben in Deutschland. Wir sind vor vielen Jahren hier hingekommen und wollen nicht wieder weg. Und warum? Weil das Leben hier gut zu uns ist. Aber wenn man hier hingehören will, dann muss man respektieren, wie hier gelebt und gedacht wird. Und für die Menschen hier sind Karikaturen ein wichtiger Teil der Meinungsfreiheit. So erziehe ich auch meine Kinder. Sie sollen lernen, die anderen Religionen zu respektieren. Ich zeige ihnen auch Koranstellen über andere Religionen. Nur wer lernt und liest, kann diese Schritte gehen. Das hat auch Mohammed gesagt (lacht).

In Hagen leben Muslime und Christen seit mehreren Generationen nebeneinander. Spüren Sie hier Konfliktpotenziale?

Demirhan: Da gibt es zwei Gruppen. Die jungen Leute bis 35 Jahre leben miteinander, ohne darüber nachzudenken, wo der andere herkommt, woran er glaubt. Für sie ist das egal, wer welcher Religion angehört. Und dann gibt es die älteren Mitbürger. Sie haben teilweise Vorurteile und denken auf alte Weise. Das heißt aber nicht, dass es zu einem Konflikt führen muss.

Charlie Hebdo wird weiter erscheinen. Müssen wir weiter Angst vor neuen Anschlägen haben?

Demirhan: Der Terror wird nie vorbei sein. Es wäre schön, wenn die Menschen begreifen würden, dass Religion etwas Freiwilliges ist. Sie sollte nicht für irgendwelche Ideologien instrumentalisiert werden. Ein Koran- Vers lautet: „Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, so ist es, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.“

Mit Askin Demirhan sprach Mike Fiebig