Mit innovativen Ideen aus dem digitalen Neandertal

Hagen..  Es gibt Artikel, die bringen einen innerlich zum Brodeln. Und manchmal braucht es einen solchen Text, damit der Leser zum Telefon greift.

Der Bericht über jene Frau, die vor Gericht versucht hat, ihren Geburtsort Hagen aus dem Arbeitszeugnis zu klagen, war ein solcher. Günter Hartmann, Hagener, der gemeinsam mit seinem Kompagnon Arndt Hackländer die Design- und Konzeptagentur „h&h“ in der Selbecke betreibt, war auf der Palme. „Hagen nicht im Arbeitszeugnis haben zu wollen“, sagt der PR-Experte Hartmann, „einen solchen Blödsinn habe ich noch nicht gehört.“

Unglaubliches Kulturangebot

Dann sinniert er über die Vorzüge seiner Heimat, über die der Stadt und die der Region. „Man muss doch nur mal mit einem Zirkel auf der Karte einen Radius von 45 Kilometern um Hagen ziehen – allein, was man da an kulturellen Angeboten hat, ist unglaublich“, sagt er und weiß trotzdem: „Ich bin oft bei Kunden in ganz Deutschland unterwegs. Hagen ist nicht negativ besetzt. Das Problem ist eher, dass die meisten gar nichts mit unserer Stadt verbinden. Unsere Standortvorteile werden nicht kommuniziert. Und die Erhöhung der Gewerbesteuer, der Grundsteuer oder der Hundesteuer ziehen als Marketing für die Stadt nicht wirklich.“

Ein Umstand, der auch Unternehmen trifft. Nicht nur, weil sie unter der Abgabenlast leiden, sondern auch, weil es ihnen zunehmend schwerer fallen wird, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. „Bundesweit konnten im letzten Jahr 80 000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. Das trifft auch Unternehmen in unserer Region. 73 Prozent der Vorstandschefs internationaler Konzerne sehen im Fachkräftemangel eines der größten Risiken.“

Hartmann und Hackländer helfen Konzernen und mittelständischen Unternehmen, Nachwuchs zu rekrutieren. Nicht, indem sie wie Personalberater hinter Spitzenkräften herhecheln, sondern indem sie am Image der Arbeitgeber arbeiten. Employer Branding heißt das in feinstem Neudeutsch.

Beispiel Ikea: „Die haben erhebliche Probleme, in jedem Jahr ihre 200 Ausbildungsplätze zu besetzen“, so Arndt Hackländer. „Ikea ist ein Teil deines Lebens. Hej, mach das zum Beruf“, ist die bundesweite Kampagne überschrieben, die „h&h“ konzipiert hat.

Dahinter steckt eine Idee, mit der sich die kleine Agentur aus jenem Hagen, das für Menschen in Zeugnissen zur Belastung wird, gegen internationale Konkurrenz durchgesetzt hat. „Wir haben zunächst überlegt, wo Ikea im Leben der jungen Menschen auftaucht“, sagt Arndt Hartmann. „Und die Antwort ist ganz einfach: Fast jeder aus der Zielgruppe hat irgendetwas von Ikea zu Hause. Wenn die Marke jungen Menschen schon so nah ist, warum sollen sie dann nicht nach Jobs bei diesem Unternehmen gucken?“

Also begeben sich Hartmann und Hackländer dahin, wo junge Menschen miteinander kommunizieren: in die sozialen Netzwerke. „Wenn man auf Instagram nach Ikea sucht, findet man 1,8 Millionen Fotos“, sagt Arndt Hackländer, „die Menschen fotografieren sich im Markt mit den Produkten. Ganze Hochzeitsgesellschaften lassen sich in der Ikea-Kulisse ablichten.“

Kampagne über soziale Netzwerke

Daraus entstand die Idee, solche Fotos mit den Auszubildenden nachzustellen. „Das ist in hohem Maße authentisch“, so Hartmann, „für uns liegt darin der Schlüssel zum Employer Branding, zur Arbeitgebermarke.“ Das Konzept überzeugt. Auf Plakaten, in Broschüren und in den sozialen Netzwerken wird es gerade verbreitet.

Hinter diesem und anderen Projekten steckt die Idee, dass sich Unternehmen bei ihren Mitarbeitern bewerben müssen. Auch die sogenannten „Hidden Champions“ in Hagen und in der Region. „Viele dieser Firmen haben aber Karriereseiten im Internet, die an das Web 1.0 erinnern“, sagt Hartmann mit Blick auf die digitale Steinzeit, in der Menschen mit einem Modem im Schneckentempo auf Seiten surften. „Sie zeigen immer noch den Auszubildenden im Blaumann gemeinsam mit seinem Lehrmeister. Das aber spricht niemanden an.“

Erst recht nicht bei der Konkurrenz der großen Konzerne. Während die Zulieferer aus der Region im digitalen Neandertal kriechen, haben die großen Automobilhersteller wie BMW und Audi längst Vollgas gegeben. „Dabei werden große Teile eines Autos durch Zulieferer vorproduziert“, so Hartmann, „in den Köpfen der jungen Menschen aber, die von Fachhochschulen und Unis kommen, existieren nur die Karrieremöglichkeiten bei den Konzernen. Die sind auf diesem Sektor perfekt aufgestellt.“

Dabei – davon sind Hartmann und Hackländer überzeugt – werden Unternehmen sich künftig auf einem Markt bewegen, auf dem sie sich intensiv um Nachwuchs bemühen müssen. „Es gibt Firmen, die heute ihre Auszubildenden mit Dienstwagen ausstatten“, so Hartmann, „bei Ikea gibt es gute Sozialleistungen schon für Auszubildende.“

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