Melodien zum Weinen

Zeit für Gefühle: Richard Furman als Pinkerton, Veronika Haller als Butterfly.
Zeit für Gefühle: Richard Furman als Pinkerton, Veronika Haller als Butterfly.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Im Großen Haus wird am kommenden Samstag „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini gespielt. Es inszeniert Intendant Norbert Hilchenbach.

Hagen.. Von dem italienischen Komponisten Giacomo Puccini (1858 bis 1924) stammt der Satz: „Ich möchte, dass die Menschen weinen.“ Und tatsächlich verstand es der berühmte Tondichter wie kaum ein anderer seines Fachs, Gefühle in Musik umzusetzen und die Geschichten, die seine Opern erzählen, dramatisch zuzuspitzen. Nicht anders verhält es sich mit dem Schicksal von „Madame Butterfly“, jener japanischen Geisha, die an der Liebe zu einem amerikanischen Hallodri zerbricht.

Trotz der leidenschaftlichen Melodien, die ja immer daherkommen, als seien sie direkt aus dem Herzen aufs Notenblatt gehüpft, basiert das Werk auf einer kompositorisch ausgeklügelten, dramaturgisch stringenten Arbeitsweise. Mit anderen Worten: Puccini wusste genau, wie er die Menschen zum Weinen bringen konnte. „Auf dem Höhepunkt der Szenen kommt es zu regelrechten Ausbrüchen, die die Zuhörer emotional derart mitreißen, dass sie sich nicht dagegen wehren können“, rechnet Intendant Norbert Hilchenbach, der das Stück inszeniert hat, angesichts der grandiosen Musik auch im Hagener Theater mit vielen Tränen.

Wunderbare, italienische Musik

Dirigent David Marlow sieht seine Aufgabe denn auch darin, sich nicht zu sehr von der süffigen Musik gefangen nehmen zu lassen, sondern die Akzente wohl zu dosieren und die Spannung bis zu jenen Explosionen der Liebe und Verzweiflung, die die grenzenlose Sehnsucht von Butterfly und schließlich ihren Selbstmord ausmalen, kontinuierlich zu steigern. Zwar habe Puccini, der sich im Vorfeld des Werkes ausführlich mit fernöstlichen Bräuchen und Musik beschäftigte, japanischen Kolorit in die Oper einfließen lassen, aber eben nicht mehr als das, findet Marlow: „Es gibt japanische Gongs, Effekte, die japanisch anmuten und sogar Texte, die japanisch klingen, aber im Grunde handelt es sich von vorn bis hinten um wunderbare, italienische Musik.“

Zuletzt sang Cio-Cio-San bzw. Butterfly ihre von der eigenen, immensen Lebenslüge geprägte Arie „Un bel di vedremo“ (Eines Tages werden wir sehen) vor zwölf Jahren auf der Hagener Bühne. Die jetzige Neuinszenierung begründet Hilchenbach einerseits mit der Strategie, beliebte Opern (und „Madame Butterfly“ gehört sicherlich zu den beliebtesten der Welt) im etwa zehnjährigen Rhythmus neu aufzulegen: „Andererseits kann das nur geschehen, wenn wir über die entsprechende Besetzung verfügen. Und das ist derzeit der Fall“, spart er nicht mit Lob für das Ensemble um Veronika Haller, die die tragische Titelheldin gibt.

Puccini hat viele Geliebte

Nun soll man ja das Biographische im Leben eines Komponisten bei der Beurteilung seiner Arbeiten nicht überbewerten. Doch Puccini hatte, als er „Madame Butterfly“ schrieb, einen Sohn mit einer langjährigen Lebensgefährtin, die er dann jedoch, anders als der feige Pinkerton, der seine japanische Ex-Geliebte schmählich im Stich lässt, heiratete. Allerdings musste sich Madame Puccini die Liebe ihres Gatten mit diversen anderen Frauen teilen. Denn der große Komponist war auch im wirklichen Leben ein sinnenfreudiger, spannungsgeladener Epikureer, der wusste, wie man die Menschen zum Weinen bringt.